The Pulse

Ermutigende Nachrichten aus dem Biotech-Sektor

Die Eskalation des Handelskonflikts hat in den letzten Tagen an den Börsen für Turbulenzen gesorgt. Der optimale Zeitpunkt also, um den defensiveren amerikanischen Biotech-Sektor genauer zu beleuchten.

Christoph Gisiger

Über Langeweile können sich die Investoren in diesem Sommer bestimmt nicht beklagen. Die Eskalation des Handelskonflikts und Sorgen um die Weltwirtschaft haben in den letzten Tagen auch im Tech-Sektor heftige Turbulenzen ausgelöst.

Wenig überraschend hat es Valoren aus der Halbleiterindustrie am heftigsten erwischt. Die Titel von Branchenleadern wie Intel, Nvidia, Micron Technology und Broadcom sind seit letztem Mittwoch rund 10% eingebrochen. Entsprechend scharf hat der Chip-Index PHLX Semiconductor korrigiert:

Am Dienstag hat sich die Lage zwar etwas stabilisiert. Der Rückschlag legt jedoch offen, wie anfällig viele IT-Werte auf einen Panikschub an der Börse reagieren. Selbst Superschwergewichte wie Apple, Facebook und Amazon haben in den letzten Tagen über 5% eingebüsst.

Eine Branche, die im Gegensatz dazu für ihre defensiven Qualitäten geschätzt wird, ist die US-Gesundheitsindustrie. Sie erwirtschaftet einen Grossteil des Umsatzes im Heimmarkt und ist damit vom Handelsstreit weniger betroffen.

In der heutigen Ausgabe wirft «The Pulse» deshalb einen Blick auf die neusten Entwicklungen im amerikanischen Biotech-Sektor.

Ermutigende Zahlen

Mit Alexion Pharmaceuticals berichtet am Mittwoch der letzte grosse Biotech-Konzern über den Geschäftsgang im zweiten Quartal. Mehrheitlich haben die Abschlüsse aus der Branche angenehm überrascht.

Das gilt speziell für Vertex Pharmaceuticals, Amgen und Biogen, deren Titel am Tag der Resultatpublikation kräftig avanciert sind.

Für die grösste Enttäuschung sorgte der Pharmakoloss Pfizer. Der kontroverse Zusammenschluss des Generikageschäfts mit dem kriselnden Rivalen Mylan mag wohl auch ein Grund für die negative Kursreaktion gewesen sein:

Viele Biotech-Unternehmen haben ihre Prognose für die zweite Jahreshälfte angehoben. Der Trend geht damit in die Gegenrichtung zum Gesamtmarkt, wo die Gewinnschätzungen für 2019 stetig sinken.

Wie bisher rechnen Analysten zwar auch für die Gesundheitsbranche mit einer Verlangsamung des Gewinnwachstums im zweiten Semester. Die Ergebnisentwicklung hebt sich jedoch weiterhin positiv vom Durchschnitt der Unternehmen im S&P 500 ab:

In auffälligem Kontrast dazu steht der Kursverlauf: Der S&P 500 notiert gemessen am Stand von Anfang Jahr trotz der jüngsten Einbussen fast 15% im Plus. Im Gesundheitssektor beläuft sich die Avance auf nur 4%. Beim Nasdaq Biotech-Index sind es immerhin rund 7%:

Risiko US-Politik

Dass Biotech-Titel hinterherhinken, hat verschiedene Ursachen. Dazu gehört, dass in den letzten Jahren vorwiegend Medikamente auf den Markt gekommen sind, die auf eher seltene Krankheiten zielen.

Neue Gentherapien wie Zolgensma von Novartis zur Behandlung von Muskelschwund bei Kleinkindern sind zwar wissenschaftlich beeindruckend - und entsprechend teuer. Gemäss dem Branchenverband der US-Pharmaindustrie werden gegenwärtig rund 300 solcher Medikamente entwickelt.

Meist richten sie sich jedoch an einen relativ kleinen Kreis von Patienten. Als Biotech-Aktien zur Mitte dieses Jahrzehnts hingegen auf Rekordniveau notierten, wurden Wirkstoffe lanciert, die weit verbreitete Krankheiten wie Hepatitis C heilen oder im Spätstadium von Lungenkrebs helfen.

Hinzu kommt die politische Unsicherheit. Wie sich letzte Woche bei den TV-Debatten der demokratischen Präsidentschaftskandidaten gezeigt hat, sprechen sich viele Anwärter für eine weitgehende Verstaatlichung des Krankenversicherungssystems aus.

Zudem stehen diverse Reformvorschläge zur Senkung von Medikamentenpreisen im Raum. Ein Beispiel dafür ist ein «internationaler Index», der die Medikamentenkosten der staatlichen Gesundheitsfürsorge Medicare mit der Preisentwicklung im Ausland verbinden würde.

«Die Diskussion um eine Gesundheitsreform und die Senkung der Medikamentenpreise stellt das grösste Risiko für den Sektor dar», meint dazu Konstantinos Aprilakis, Analyst bei der Deutschen Bank. Er erwartet, dass sich die öffentliche Debatte zu den Kosten im Gesundheitswesen bis zu den Präsidentschaftswahlen im November 2020 intensivieren wird.

Bereits ein Tweet eines Politikers könne reichen, um Biotech-Aktien auf Tauchkurs zu schicken, warnt Aprilakis. Das habe sich 2015/2016 während der Präsidentschaftskandidatur Hillary Clintons gezeigt.

«Obwohl sich Investoren damit auf verstärke Kursschwankungen gefasst machen müssen, dürfte es sich bei vielen Reformvorschlägen aber primär um Gerede ohne grössere Konsequenzen halten», denkt der Pharmaexperte.

Rekordverdächtiges M&A-Volumen  

Für Fantasie in Biotech-Aktien könnten im zweiten Halbjahr weitere Fusionen und Übernahmen sorgen. Gemäss dem Researchdienst Evaluate beläuft sich das M&A-Volumen für das erste Halbjahr auf über 170 Mrd. $. Das ist eine höhere Summe als in den letzten drei Jahren zusammen.

Die massive Zunahme ist primär zwei Grossübernahmen zu verdanken: Der 74 Mrd. $ teuren Akquisition von Celgene durch Bristol-Myers Squibb und der 63 Mrd. $ schweren Offerte von AbbVie für Allergan:

Quelle: Evaluate

Quelle: Evaluate

Dass es der Branche nicht an Kapital fehlt, zeigt sich auch im Markt für Publikumsöffnungen. Insgesamt haben zwanzig nennenswerte Biotech-Unternehmen im ersten Semester den Gang an die Börse gewagt. Mit zwei Ausnahmen liessen sich alle an der US-Technologiebörse Nasdaq kotieren.

Zehn Unternehmen davon haben mit ihrem IPO mehr als 100 Mio. $ aufgenommen. Das grösste Debut legte Bridgebio Ende Juni mit annähernd 350 Mio. $ hin:

Quelle: Evaluate

Quelle: Evaluate

Ein genauerer Blick auf den Biotech-Sektor könnte sich für Investoren daher lohnen. Das, zumal die meisten Schwergewichte im historischen Vergleich attraktiv bewertet sind. Hier drei spannenden Ideen fürs Portfolio:

Amgen: Chance auf den Durchbruch

Amgen ist mit 110 Mrd. $ Börsenwert der Marktleader. Sein wichtigstes Medikament ist Enbrel, das bei Arthritis hilft. Es kommt für mehr als ein Fünftel der Einnahmen auf, könnte jedoch bald von einem Nachahmer-Produkt der Novartis-Tochter Sandoz konkurrenziert werden.

Der Patentfall zu Enbrel ist vor Gericht hängig. Ein Urteil wird in Bälde erwartet, was auf kurze Sicht ein Risiko für die Titel bedeutet. Da gegen den Entscheid voraussichtlich Berufung eingelegt wird, dürfte es noch rund ein Jahr dauern, bis Klarheit über die Vermarktungsrechte besteht.

Umso mehr ruht die Hoffnung auf AMG-510, einem potenziellen Hemmstoff gegen das Krebsprotein KRAS. Bei der Ergebnispräsentation hat Amgen ermutigende Testresultate publiziert, worauf der Kurs mit Avancen reagierte.

Neue Daten zu AMG-510 werden im September an der Weltkonferenz für Lungenkrebs in Barcelona erwartet. «Amgen steht im Bereich Onkologie und anderen wichtigen Anwendungen kurz vor dem Durchbruch», glaubt das Research-Team des Brokers Oppenheimer & Co.

Ein weiteres Plus ist, dass der Konzern den Ausblick für das Gesamtjahr leicht erhöht hat. Mit rund 26 Mrd. $ an flüssigen Mitteln auf der Bilanz verfügt Amgen zudem über viel strategische Flexibilität und zahlt eine Dividendenrendite von 3,2%. 

Gilead Sciences: Turnaround-Wette

Gilead Sciences krankt am eigenen Erfolg. Der Konzern ist bei Medikamenten gegen Hepatitis führend. Da inzwischen aber immer mehr Patienten geheilt sind, hat er in den letzten drei Jahren rund ein Drittel der Einnahmen verloren.

Besser läuft das Geschäft mit Wirkstoffen gegen das HIV-Virus. Es reicht jedoch nicht aus, um den Umsatzrückgang bei den Hepatitis-Präparaten zu kompensieren.

Der neue CEO Daniel O'Day, der zuvor die Pharma-Division von Roche geleitet hat, soll Gilead nun wieder auf Expansionskurs bringen.

Gut aufgenommen wurde an der Börse die rund 5 Mrd. $ teure Kooperationsvereinbarung mit dem Branchennachbarn Galapagos. Mit ihr geht eine Erhöhung der Beteiligung am belgisch-niederländischen Unternehmen einher.

Gilead ist mit der Tochter Kite Pharma seit 2017 auch in der Entwicklung neuer Gentherapien zur Krebsbekämpfung engagiert. Bislang läuft es mit der 12 Mrd. $ teuren Übernahme jedoch nicht optimal.

Nach dem Deal mit Galapagos könnte sich Konzernchef Day jetzt darauf konzentrieren, die Performance von Kite zu verbessern.

Analysten rechnen für das Übergangsjahr 2019 mit einer Stabilisierung des Umsatzes auf gut 22 Mrd. $. Beim Gewinn erwarten sie einen Rückgang von 5,5 auf 4,3 Mrd. $. Für 2020 wird eine Steigerung auf 7,1 Mrd. $ prognostiziert.

Vertex: Wachstumsmaschine

Vertex ist auf Medikamente gegen zystische Fibrose spezialisiert. Vereinfacht gesagt ist das eine vererbte Stoffwechselerkrankung.

Auf diesem Gebiet hat das Unternehmen, das seit 2017 profitabel arbeitet, inzwischen drei Präparate auf dem Markt. Sie kommen für den gesamten Umsatz auf und sind auf absehbare Zeit patentrechtlich geschützt.

Zudem forscht Vertex an verschiedenen anderen Medikamenten, wobei die Produkte-Pipeline in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten an Kontur gewinnen sollte.

Vertex weist unter den grössten Biotech-Konzernen das stärkste Wachstum aus. Die Einnahmen haben im zweiten Quartal 25% auf 940 Mio. $ zugenommen, woraus ein Gewinn von knapp 270 Mio. $ resultiert.

Der Konsens rechnet damit, dass die jährlichen Einnahmen bis Ende 2023 auf rund 7,4 Mrd. $ steigen. Das Ergebnis soll sich auf 3,3 Mrd. $ verbessern.

Hier die wichtigsten Eckwerte zu Amgen, Gilead und Vertex im Überblick:

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle gibt es hier drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Gentechnik und künstliche Intelligenz spielen für die Pharma- und Biotechbranche eine immer wichtigere Rolle. Michael Varney, R&D-Chef der Roche-Tochter Genentech, spricht mit dem Fachblatt «c&en» über die Zukunft in der Forschung und Entwicklung neuer Medikamente.
  • Videospiele in der Cloud sind der neuste Trend in der Unterhaltungsindustrie. Gegen Ende Jahr werden die Tech-Riesen Google und Microsoft erste Dienste lancieren. Von Amazon wird der Einstieg in den Markt 2020 erwartet. Was hinter der Gaming-Offensive steckt, erklärt die Onlinepublikation «REDEF».
  • Die Manipulation von Wählern über soziale Medien wird bei den US-Präsidentschaftswahlen erneut zum kontroversen Thema. Einen Vorgeschmack liefert die Attacke auf die US-Senatorin Kamala Harris. Das Tech-Magazin «Recode» warnt, wie wenig noch immer über solche Kampagnen zur Fehlinformation bekannt ist.

Surfin' USA

Surfen gehört zu Kalifornien wie das Wandern zur Schweiz. Obschon der Sport ursprünglich aus Hawaii stammt, hat er seinen Aufstieg massgeblich dem Golden State mit der fast 1800 km langen Meeresküste und den Hits der Beach Boys zu verdanken.

Surfen ist seit letztem August denn auch die offizielle Sportart Kaliforniens. Sogar Hunde tragen hier inzwischen Wettkämpfe im Wellenreiten aus.

Kaum eine Stadt verkörpert die Surf-Kultur mehr als Huntington Beach. Der Küstenort, der eine gute Autostunde südlich von Los Angeles liegt, nennt sich selbst «Surf City» und beheimatet unter anderem die «Surfers' Hall of Fame» sowie das «International Surfing Museum».

Höhepunkt der Sommersaison in Huntington Beach ist das US Surf Open, das mitunter von Swatch gesponsert wird. Erstmals 1959 ausgetragen, zieht der wochenlange Anlass jährlich rund 700’000 Schaulustige an, was ihn zum grössten Wettkampf und Lifestyle-Event der Sportart macht.

Auch vergangenen Sonntag strömten die Fans zu Tausenden nach Huntington zum Final. Gewonnen haben die Kalifornierin Sage Erickson und der Brasilianer Yago Dora. Sie haben sich ein Preisgeld von jeweils 30’000 $ sowie wertvolle Punkte für die Qualifikation zur World Surf League gesichert.

Sponsorengelder eingeschlossen, können die weltbesten Athleten jährlich bis zu rund 5 Mio. $ verdienen. Detaillierte Zahlen zum jährlichen Gesamtumsatz der Surfindustrie sind schwierig zu finden. Es dürfte sich aber um mehr als 7 Mrd. $ handeln.

Dass es um viel Geld geht, zeigt ebenso ein Protestschreiben des US-Branchenverbands Sima, das die US-Regierung vor den schädigenden Konsequenzen der Strafzölle auf chinesische Importe warnt.

Der Handelskrieg kommt für die Hersteller von Surf-Equipment zu einem denkbar ungünstigen Moment, sehen sie sich doch wie andere Exponenten der Retail-Industrie mit gravierenden Umwälzungen konfrontiert.

Das verdeutlicht die Bankrotterklärung des vormals australischen Branchenriesen Quiksilver, der 2016 von der US-Investmentboutique Oaktree Capital übernommen und 2018 mit dem ebenfalls insolventen Rivalen Billabong in der Holdingfirma Boardriders zusammenführt worden ist. Ihr Firmensitz befindet sich natürlich in Huntington Beach.

Ein Grundproblem ist, dass Konsumenten weniger Bekleidung im Beach-Style kaufen und stattdessen sportliche Freizeitbekleidung unter dem Begriff «Athleisure» vorziehen. Deshalb soll nun auch Nike nach einem Käufer für die kalifornische Traditionsmarke Hurley suchen.

Einen neuen Popularitätsschub erhofft sich die Branche von den olympischen Spielen in Tokio. Am Strand von Shidashita wird dort Surfen im Sommer 2020 zum ersten Mal als Disziplin ausgetragen.

Es fragt sich aber, ob der Sport dadurch nicht auch etwas von seinem rebellischen Image verlieren wird. Entgegen dem Ruf geht es in der Surfer-Szene nämlich nicht immer ganz friedlich zu.

In unguter Erinnerung sind bis heute die Ausschreitungen, zu denen es 2013 am US Surf Open in Huntington gekommen ist. Massive Polizeipräsenz und ein striktes Alkoholverbot am Strand sorgen seither dafür, dass alles in mehr oder weniger geordneten Bahnen verläuft.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger