The Pulse

Gemischte Signale aus dem Chip-Sektor

Die Quartalsergebnisse aus der amerikanischen Halbleiterindustrie sorgen für bedeutende Kursbewegungen. Während Intel Applaus erntet, wird Texas Instruments abgestraft. Das sind die wichtigsten Rückschlüsse, die sich aus den Resultatpublikationen ziehen lassen.

Christoph Gisiger

Die Saison der Unternehmensabschlüsse aus dem amerikanischen Tech-Sektor neigt sich bereits dem Ende zu. Mit Apple und Facebook rapportieren am Mittwoch die letzten beiden Superschwergewichte die Zahlen zum dritten Quartal.

Die Zwischenbilanz fällt durchwachsen aus: Soliden Zahlen von Microsoft steht ein enttäuschender Abschluss von Amazon gegenüber. Auch das zu Wochenbeginn publizierte Ergebnis von Alphabet wird an der Börse kühl aufgenommen.

Der Google-Mutterkonzern wächst im Kerngeschäft mit Online-Werbung zwar nach wie vor robust. Ein hohes Tempo kann auch der Videodienst YouTube halten, so dass der Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum insgesamt 20% auf knapp 40,5 Mrd. $ gestiegen ist.

Zum Vergleich: Im ersten und zweiten Quartal resultierten Zunahmen von rund 17 und 19%.

Weniger ansprechend sieht es unter dem Strich aus: Wegen höheren Investitionen in Recheninfrastruktur für Cloud-Dienste und Personal ist der Gewinn 23% auf 7 Mrd. $ gesunken.

Hinzu kommt ein Faktor, zu dem CEO Sundar Pichai während der Ergebnispräsentation möglichst wenig sagen wollte.

Google hält primär über die Venture-Sparte GV bedeutende Investments in Startup-Unternehmen. Dazu gehören Beteiligungen von jeweils über 4% an Uber und Lyft, deren Wert seit dem Börsengang deutlich gesunken ist.

Wie Michael Pachter, IT-Analyst beim Broker Wedbush Securities vorrechnet, hat Google im dritten Quartal einen Buchverlust von gut 1 Mrd. $ auf der Uber-Position eingefahren. Im Fall von Lyft sind es 320 Mio. $.

Andere Engagements mitberücksichtigt, hat sich der Wert von Googles Beteiligungsportfolio im vergangenen Quartal um mehr als 1,5 Mrd. $ verringert, was das Konzernergebnis entsprechend belastet hat:

Google: Gewinn/Verlust aus Beteiligungen

in Mio. $

Während der Abschluss von Google relativ wenig Emotionen auslöste, haben in den letzten Tagen besonders die Resultate im Halbleitersektor für grössere Kursschwankungen gesorgt.

In der heutigen Ausgabe geht «The Pulse» deshalb genauer auf die Perspektiven von Marktführern wie Intel, Texas Instruments oder Lam Research ein.

Seismograph der Weltwirtschaft

Halbleiter sind so gut wie überall im Einsatz, was die Branche zu einem empfindlichen Seismographen der globalen Konjunkturentwicklung macht. Investoren, die auf eine Erholung der Weltwirtschaft wetten, haben sich deshalb aggressiv in Chip-Aktien positioniert.

Der PHLX Semiconductor Index, der die grössten dreissig Halbleiterwerte am US-Aktienmarkt umfasst, ist seit Anfang Jahr über 30% vorgeprescht. Zu Wochenbeginn hat er ein neues Rekordhoch markiert.

Chip-Aktien schneiden damit klar besser ab als der Tech-Index Nasdaq 100 und der breite US-Gesamtmarkt gemessen am S&P 500:

PHLX Semiconductor Index

PHLX Semiconductor Index
Nasdaq 100 (angeglichen)
S&P 500 (angeglichen)

Die Kursavancen basieren jedoch primär auf dem Prinzip Hoffnung: Wie Zahlen des globalen Branchenverbands SIA zeigen, erlebt die Halbleiterindustrie gegenwärtig den grössten Auftragseinbruch seit der Finanzkrise von 2008/09.

In der ersten Hälfte dieses Jahres haben zwar viele Chip-Konzerne eine Erholung im zweiten Semester angekündigt. Doch obschon es nun bis Ende Jahr kaum viel mehr als zwei Monate dauert, bleiben die Aussichten auf einen kräftigen Aufschwung vage.

Im August, dem Monat mit den aktuellsten Daten, sind die weltweiten Halbleiterverkäufe erneut um rund 16% eingebrochen. Das Positive: Im Vergleich zum Vormonat hat sich die Lage wenigstens nicht weiter verschlimmert:

Quelle: SIA

Quelle: SIA

Auch der Researchdienst IHS Markit hat seine Prognose für die Chip-Industrie diesen Monat erneut gesenkt. Es ist bereits das dritte Mal in diesem Jahr, dass er den Ausblick nach unten revidiert.

«Die jüngste Anpassung hat hauptsächlich mit der geringer als erwarteten Erholung im dritten Quartal zu tun», halten die Tech-Spezialisten von IHS fest.

Licht und Schatten

Umso wichtiger ist, was Halbleiterkonzerne dieser Tage zum künftigen Geschäftsgang sagen.

Zu den zentralen Themen in den Ergebnispräsentationen gehören dabei die Belastung durch den Handelskrieg, unvorteilhafte Wechselkurseffekte, eine erstarkte Nachfrage von Cloud-Infrastrukturanbietern sowie die Aussicht auf eine flächendeckende Einführung des neuen Mobilfunkstandards 5G ab dem nächsten Jahr.

An der Börse fällt die Reaktion auf die bisherigen Unternehmenszahlen ambivalent aus: Während die Aktien von Intel, Lam Research und ON Semiconductor im Zug der Resultatpublikation deutlich avanciert sind, haben Investoren die Abschlüsse von Texas Instruments, AMD und Xilinx mit Ernüchterung oder sogar grosser Enttäuschung aufgenommen.

Ebenfalls wenig Begeisterung lösten die Nachrichten von Micron Technology und Broadcom aus, die ihre Zahlen im Vorfeld der Berichtssaison veröffentlicht hatten:

Reaktion auf Quartalsabschluss

Kursveränderung im Tageshandel, in %

Mit Blick auf dieses uneinheitliche Bild lohnt es sich, einzelne Abschlüsse im Detail zu betrachten.

Intel erhöht Prognose

Zu den grössten Gewinnern der Berichtssaison zählt Intel. Der Branchenprimus überraschte speziell mit Wachstum bei Chips für Grossrechner, wogegen Analysten mit einem Rückgang gerechnet hatten. Zudem hob er die Umsatzprognose für das Gesamtjahr um 1,5 auf 71 Mrd. $ an.

Der stärker als erwartete Zuwachs im Server-Geschäft basiert jedoch partiell auf einem Grossauftrag aus China, der angesichts drohender Zölle im dritten statt im vierten Quartal angefallen ist. Zudem hatte Intel die Umsatzprognose zu Ende des ersten Quartals deutlich gesenkt, sodass der Ausblick immer noch 500 Mio. $ unter der ursprünglichen Vorgabe für 2019 liegt.

Hinzu kommt, dass sich das prognostizierte Umsatzwachstum von 3% für das vierte Quartal auf Basis der Vorjahresperiode nur bedingt einordnen lässt. Das, zumal Intel damals mit gravierenden Engpässen in der Produktion von PC-Mikroprozessoren kämpfte:

Intel: Umsatzentwicklung

in % zur Vorjahresperiode

Für den Applaus an der Börse dürfte daher in erster Linie der Start eines Aktienrückkaufprogramms gesorgt haben. Es umfasst 20 Mrd. $, was zum Zeitpunkt der Ankündigung fast 9% der Marktkapitalisierung entsprochen hat.

Bemerkenswert ist ausserdem, dass die Zahlen von AMD diesen Dienstag nach Börsenschluss eher reserviert aufgenommen worden sind.

Der kleinere Erzrivale stellt für das vierte Quartal weniger Umsatz in Aussicht, als Analysten erwartet haben. Und das, obschon er wie Intel im PC-Markt vom grossen Upgrade-Zyklus auf das Betriebssystem Windows 10 profitiert.

Texas Instruments senkt Ausblick

Nun zu den Verlierern wie Texas Instruments. Anders als Intel bedient der Spezialist für Analog-Chips ein wesentlich breiteres Kundensegment. Die Klientel umfasst rund 100’000 Einzelabnehmer, wobei ein Fokus auf der Industrie sowie der Autobranche liegt.

Im Vergleich zu Intel ist Texas Instruments damit gegenüber Schwankungen des Konjunkturzyklus wesentlich stärker exponiert. Wie «The Pulse» berichtete, hat das TI-Management in diesem Zusammenhang denn auch vor einer weiteren Abschwächung gewarnt.

«Wir stecken inzwischen seit vier Quartalen [in diesem Abschwung] fest, und er wird noch länger anhalten», sagte Finanzchef Rafael Lizardi während der Ergebnispräsentation. Als Belastungsfaktor strich er dabei den Handelskonflikt heraus.

Nachdem der Umsatz im dritten Quartal um 12% auf 3,8 Mrd. $ gesunken ist, prognostiziert Texas Instruments für das letzte Jahresviertel einen Rückgang von rund 14%. Analysten hatten im Vorfeld hingegen mit einer Aufhellung gerechnet:

Texas Instruments: Umsatzentwicklung

in % zur Vorjahresperiode

Ähnlich tönt es bei Xilinx, einem Hersteller, der vorab Kunden aus den Bereichen Telecom und Industrie bedient. Auch er blieb mit der Umsatzprognose für das laufende Quartal hinter den Erwartungen zurück, wofür er primär den US-Boykott gegen den chinesischen Telecomausrüster Huawei verantwortlich macht.

Gemäss Xilinx soll das Schlimmste jedoch bald überstanden sein: «Wir glauben, dass das dritte Quartal unseren Tiefpunkt markiert und erwarten, dass wir im vierten Quartal zu sequenziellem Umsatzwachstum zurückkehren», kommuniziert der Konzern, dessen Geschäftsjahr jeweils Ende März ausläuft.

Auffällig ist, dass die Börse trotz dieser optimistischen Äusserungen mit Zurückhaltung reagierte. Im früheren Jahresverlauf hatten bereits andere Chiphersteller wie Micron Zuversicht verbreitet, mussten dann aber die Erwartungen dämpfen.

Spezialsituation um Lam Research

Der Einbruch im Halbleitermarkt trifft ebenso Equipmenthersteller wie Lam Research. Der Konzern meldete für das vergangene Quartal zwar einen Umsatzrückgang von rund 7%, übertraf damit jedoch die Erwartungen der Analysten leicht.

Für das laufende Quartal stellt CEO Tim Archerer eine Stabilisierung des Geschäfts in Aussicht. Investoren nehmen das freundlich auf. Die Titel avancierten am Tag nach der Ergebnisveröffentlichung nahezu 14%:

Lam Research: Umsatzentwicklung

in % zur Vorjahresperiode

Auch im Fall von Lam Research sind Rückschlüsse auf die Verfassung der Branche allerdings nur begrenzt möglich. Der Konzern profitiert mitunter von der Spezialsituation, dass der Grosskunde Taiwan Semiconductor Manufacturing damit begonnen hat, seine Wafer-Produktion auszubauen.

Das Auftragsvolumen wächst zudem rasch in der Region China, in der Lam Research mit Kunden wie Yangtze Memory Technologies und Changxin Memory Technologies am meisten Einnahmen erwirtschaftet.

Diese Entwicklung hat damit zu tun, dass China im Zug des Handelskriegs die Anstrengungen zum Aufbau einer heimischen Chip-Industrie intensiviert.

So hat Peking diese Woche einen neuen Staatsfonds zur Förderung der Halbleiterbranche im Umfang von rund 29 Mrd. $ aufgelegt. Das übersteigt das Volumen eines früheren Subventionsfonds aus dem Jahr 2014 um annähernd 9 Mrd. $.

Die strategischen Investitionen Chinas dürften auch das Auftragsvolumen anderer Equipment-Hersteller wie KLA-Tencor und Applied Materials stimulieren, die ihre Quartalszahlen am 30. Oktober respektive am 14. November präsentieren.

Kennzahlen: Grosse US-Halbleiterkonzerne

Börsenwert Wachstum KGV Div.-Rendite
Intel 245,1 1,7 12,2 2,2
Nvidia 123,6 –14,3 31,3 0,3
Broadcom 114,3 10 13 3,7
Texas Instruments 112,5 –6,8 25,1 3
Qualcomm 99,3 11,5 23,7 3
Micron Technology 53,3 –23 18,8 0
Applied Materials 51,3 –10,4 17,6 1,5
Lam Research 40,1 –13,2 16,9 1,7
Analog Devices 39,9 –2,7 21,3 2
AMD 35,9 –5,8 31,4 0
KLA 27 13,2 18,1 1,8
Xilinx 23,2 24,1 28,3 1,6

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle gibt es hier einige Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Das Thema Raumfahrt fasziniert. Mit Virgin Galactic ist seit Montag ein erstes Unternehmen börsenkotiert, das den Weltraum für den Touristen erschliessen will. Abenteuer im All können finanziell allerdings böse enden. Die Forschungspublikation «MIT Technology Review» berichtet in diesem Zusammenhang über den Spekulationsboom um Pläne zur Rohstoffförderung aus Asteroiden - und wie diese Blase bereits geplatzt ist.
  • Der Musik-Streamingdienst Spotify hat im Frühling 2018 mit einem direkten Listing an der NYSE überrascht. Der Kollaborations-Dienst Slack ist dem Beispiel dieses Jahr gefolgt, und zahlreiche weitere Startup-Unternehmen dürften sich künftig ebenfalls für eine Direktkotierung entscheiden. Pionierarbeit hat Spotify-Finanzchef Barry McCarthy geleistet, der diese Woche seinen Rücktritt angekündigt hat. Das Branchenmagazin «recode» zeigt auf, wie der angesehene Tech-Veteran auf die disruptive Idee gekommen ist, Wallstreets IPO-Maschine zu umgehen.
  • Es könnte einer der wichtigsten Durchbrüche in der Krebsbehandlung werden: Das Biotech-Unternehmen Mirati meldet vielversprechende Testdaten zum Gen-Präparat MRTX849. Es soll die Mutation des KRAS-Proteins blockieren, das eine Schlüsselrolle bei der unkontrollierten Vermehrung von Tumorzellen spielt. An einer ähnlichen Therapie arbeitet Branchenleader Amgen. Das Fachmagazin «Biopharmadive» berichtet über den Wettlauf in der KRAS-Forschung.

Devil Winds

Es ist Herbst, und überall in Kalifornien brennt es. In Los Angeles wütet das Getty Fire entlang des verkehrslastigen 405 Freeway und zwingt selbst Stars wie Arnold Schwarzenegger oder den Basketballprofi LeBron James zur Evakuation ihrer Luxusvillen.

Verantwortlich für das Inferno sind die Santa Ana Winds, die um diese Jahreszeit trockene Luft aus den Bergen herunter an die Pazifikküste blasen. Mit Windstärken, die sogar der Kraft von Hurrikanen gleichen, wird diese Woche gerechnet.

Woher der Name des Naturphänomens genau kommt, bleibt bis heute umstritten. Eine Erklärung lautet, dass er sich aus dem Santa Ana Canyon im Bezirk Orange County ableitet, wo der Wind jeweils besonders kräftig bläst.

Gut möglich ist aber auch, dass die Bezeichnung dem spanischen Begriff «Satanás» entnommen ist, der übersetzt Satan bedeutet. In der Gegend um San Francisco werden die Sturmböen denn auch Diablo Winds genannt.

Unumstritten ist, dass die «Höllenwinde» immer verheerenderen Schaden anrichten. Vierzehn der zwanzig grössten Feuerkatastrophen in der Geschichte Kaliforniens haben sich seit 2007 ereignet. Das schlimmste Jahr war 2018, als das Camp Fire mindestens 85 Menschenleben forderte.

Ausgelöst werden die Feuer in der Regel nicht etwa durch weggeworfene Zigarettenstummel oder andere Unachtsamkeiten. Vielmehr sind es oft Stromleitungen oder andere Elektrizitätseinrichtungen, die von umstürzenden Bäumen beschädigt werden und Funken zünden.

Neu versuchen regionale Versorger dieses Jahr nun, mit weitflächigen Stromabschaltungen Brandfälle zu verhindern - wie sich bislang zeigt, ohne Erfolg. Zudem lösen die Elektrizitätsausfälle grossen Unmut aus: Diese Woche zum Beispiel ist abermals ein präventiver Blackout für fast 600’000 Haushalte im Grossraum San Francisco vorgesehen.

Die zunehmenden Verwüstungen durch Brände haben auch Konsequenzen für Investoren. PG&E, der grösste Versorger Kaliforniens mit über fünf Millionen Kunden, musste Anfang 2019 wegen Schadensklagen bereits Konkurs anmelden. Die vermeintlich sicheren Aktien sind seit dem 2017 markierten Hoch von 70 auf 5 $ eingebrochen und haben sich zum Spielball der Spekulanten entwickelt.

Gemäss dem Nachrichtendienst «Bloomberg» beläuft sich die Schadenssumme diese Feuersaison in Kalifornien bereits auf über 25 Mrd. $

Unter Druck kommen jetzt auch die Titel des kleineren Wettbewerbers Edison International, der vorab im Süden des Bundesstaats präsent ist. Wie sich am Dienstag ergeben hat, ist er wegen eines Kurzschlusses einer Übertragungsleitung wohl für das tödliche Woolsey Fire vom letzten Jahr verantwortlich.

Die Aktien haben in den vergangenen Tagen rund 15% verloren. Wie es heisst, sollen sie im Visier des legendären Short-Sellers Jim Chanos sein.

Das zeigt einmal mehr: Sicher ist an der Börse nur, dass nichts sicher ist.

Bild: Sarahbeth Maney/Bloomberg

Bild: Sarahbeth Maney/Bloomberg

Trotzdem herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger