The Pulse

Google gerät in den Sog der US-Politik

Der Branchenprimus wird für längere Zeit unter der regulatorischen Unsicherheit leiden. Dennoch dürften die Perspektiven weniger bedrohlich sein, als manche Investoren befürchten.

Christoph Gisiger

Im Umfeld trüber Konjunkturaussichten und negativer Zinsen sind Investoren bereit, nahezu jeden Preis für Wachstum zu zahlen. Selbst dem Hype um sogenannte «Growth Stocks» sind aber Grenzen gesetzt, wie sich im Fall von WeWork zeigt.

Der Bürovermieter, der sich als hippes Tech-Startup gibt und es letztes Jahr geschafft hat, fast so viel Verlust wie Umsatz einzufahren, legt den Börsengang überraschend auf Eis. Das berichtete das «Wall Street Journal» Anfang Woche.

Offensichtlich ist die Resonanz an der Börse weit weniger freundlich als erhofft: Hatte WeWork in der letzten Finanzierungsrunde eine Bewertung von rund 47 Mrd. $ erzielt, sahen sich SoftBank und andere Kerninvestoren bei einem IPO mit einem Abschlag auf 15 bis 20 Mrd. $ oder noch weniger konfrontiert.

Erschwerend hinzugekommen sein dürfte das Desaster beim Börsendebüt von SmileDirectClub letzte Woche. Die Aktien des Unternehmens, das Zahnspangen per Postversand verkauft, sind am ersten Handelstag um knapp 30% eingebrochen.

Anders als an der Börse ist es WeWork am Bondmarkt bereits gelungen, Mittel aufzunehmen. Dort hat das wohl kontroverseste Unicorn der Welt rund 1,4 Mrd. $ an Ramschanleihen mit einem Coupon von 7,875% und einer Laufzeit bis 2025 ausstehend.

Die Inhaber der Schuldscheine hat die abgesagte Publikumsöffnung böse überrascht. Wie «Bloomberg News» meldet, ist der Preis der WeWork-Anleihen am Dienstag zwischenzeitlich auf bis zu 95,5% des Nominalwerts abgesackt. Daraus resultiert der grösste Tagesverlust seit Emission der Papiere im April 2018.

Für WeWork-Gründer Adam Neumann und den Grossaktionär SoftBank wird die Situation damit immer ungemütlicher, ist das hoch unprofitable Unternehmen für weiteres Wachstum doch dringend auf neue Mittel angewiesen und wird vorerst auch am Bondmarkt kein Geld aufnehmen können:

Quelle: Bloomberg

Quelle: Bloomberg

Im Gegensatz dazu brauchen sich Tech-Kolosse wie Apple, Amazon, Facebook und Google (Alphabet) keine Sorgen um ihre Finanzierung zu machen. Sie erwirtschaften beneidenswert viel Cashflow und verfügen über kerngesunde Bilanzen.

Zu schaffen macht ihnen hingegen ein anderes Problem: «Big Tech» ist im Visier der amerikanischen Wettbewerbshüter, wobei vor allem der politische Druck auf Google zunimmt. Ein wichtiges Hearing dazu findet nächsten Dienstag vor dem Justizausschuss des amerikanischen Senats statt.

In der heutigen Ausgabe beleuchtet «The Pulse» die regulatorischen Risiken für den Internetriesen aus dem Silicon Valley deshalb genauer.

Risikoprämie lastet auf Aktien

Für Aktionäre von Google lief bis im Frühjahr alles gut: Die Titel hatten sich rasch vom Kurssturz von Ende 2018 erholt und schlossen am 29. April mit 1296.20 $ auf einer neuen Bestmarke, bevor der Konzern die Zahlen zum ersten Quartal publizierte.

Dann wurde es hässlich: Das Wachstum in den ersten drei Monaten blieb hinter den Erwartungen zurück, worauf die Titel in der nächsten Börsensitzung annähernd 8% einbüssten.

Einen weiteren Rückschlag mussten Investoren Ende Mai einstecken, als bekannt wurde, dass die Wettbewerbsbehörde FTC und das US-Justizministerium eine Untersuchung gegen Google und andere IT-Riesen vorbereiten.

Inzwischen haben sich die Titel zwar wieder gefangen. Dazu beigetragen haben ein solides Resultat im zweiten Quartal sowie die Ankündigung eines Aktienrückkaufprogramms im Umfang von 25 Mrd. $. Dennoch bewegen sich die Aktien weiterhin unter ihrem Allzeithoch:

Wie geht es jetzt weiter? Klar ist, dass Google für längere Zeit unter der regulatorischen Unsicherheit leiden wird. Mit Blick auf die US-Präsidentschaftswahlen und die Dauerkontroverse um den Umgang mit privaten Nutzerdaten dürften negative Nachrichten in den kommenden Monaten sogar zunehmen.

Aktuellstes Beispiel ist eine neue Ermittlung, die fünfzig US-Bundesstaaten und Gebietskörperschaften letzte Woche gegen das Unternehmen mit Sitz in Mountain View angekündigt haben. Im Zentrum steht dabei seine dominante Stellung im Markt für Online-Werbung.

Für Investoren stellt sich daher die Frage, wie gross das Risiko eines regulatorischen Eingriffs bei Google tatsächlich ist. Und ob der Konzern vielleicht dazu gezwungen wird, den rasch wachsenden Videodienst YouTube abzuspalten.

«Die Aktien sind so bewertet, als ob ein juristisches Verfahren wegen Verstössen gegen das Wettbewerbsgesetz so gut wie sicher ist und Google den Prozess verlieren wird», bemerken dazu Portfoliomanager der Investmentfirma GMO.

«Unserer Einschätzung nach ist die Sachlage aber weit weniger eindeutig», räumen sie ein.

Umstrittener Fall

Lohnenswert erscheint es daher, sich ein fundiertes Bild über die Ausgangslage zu verschaffen. Gemäss dem Researchdienst eMarketer ist Google in den USA mit einem Anteil von über 70% bei Suchanfragen im Internet mit Abstand führend:

Der Konzern ist ebenso der unangefochtene Branchenleader, wenn es um den US-Markt für Online-Werbung geht. Allerdings nimmt sein Anteil leicht ab, weil kleinere Konkurrenten wie Amazon und Facebook in diesem Geschäft schneller wachsen:

«Marktgrösse ist jedoch kein Verstoss gegen das Kartellgesetz», hält Michael Pachter vom Broker Wedbush Securities fest. «Wenn dem so wäre, hätten die Wettbewerbsbehörden Walmart zum Beispiel längst aufgespalten», meint der IT-Spezialist mit langjähriger Erfahrung.

Seiner Ansicht nach haben Wettbewerbsverfahren in den USA nur dann Aussichten auf Erfolg, wenn ein Unternehmen seine Marktstellung nachweislich missbraucht, um die Preise für die Verbraucher in die Höhe zu treiben.

«Das lässt sich weder bei Google noch bei Facebook stichhaltig argumentieren, zumal diese Unternehmen die betreffenden Dienste für Privatkonsumenten kostenfrei offerieren», denkt Pachter.

Hier einige weitere Überlegungen, weshalb die Perspektiven für Google möglicherweise weniger bedrohlich sind, als manche Investoren befürchten:

  • Es ist zwar wahrscheinlich, dass sich die US-Regierung mindestens einen grossen Tech-Konzern vorknöpfen wird. Das muss aber nicht zwingend Google sein. Gerade im Fall von Amazon (Priorisierung von Eigenprodukten auf der Online-Handelsplattform gegenüber Drittanbietern) oder Apple (Bevorzugung eigener Programme im App-Store) könnten sich die Behörden bessere Chancen ausrechnen.
  • Kommt es trotzdem zu einem Verfahren gegen Google, bedeutet das noch nicht, dass ein Prozess vor Gericht resultieren wird. Von 2010 bis 2016 haben die US-Behörden fünfzig Fälle von Wettbewerbsverstössen aufgegriffen. Davon sind 44 durch einen Vergleich beigelegt worden, die meist eine Änderung der Geschäftspraktiken bedingten.
  • Verfahren gegen grosse IT-Unternehmen sind in der Regel äusserst kompliziert, aufwändig und entsprechend langwierig. Nur schon bis zur Eröffnung eines Gerichtsprozesses dürfte es mindestens zwei Jahre dauern. Dieser dürfte sich dann wiederum über lange Zeit hinstrecken. So nahmen die zwei prominentesten Gerichtsverfahren gegen AT&T und Microsoft jeweils über zehn Jahre in Anspruch.

Wer Engagements in die grossen US-Techwerte in Erwägung zieht, risikofähig ist und Geduld aufbringt, könnte demnach von der regulatorischen Unsicherheit um Google profitieren.

Fundamental ist der Konzern jedenfalls solider aufgestellt als Amazon und Apple. Auch sind die Titel auf Basis der Analystenschätzungen für die nächsten zwölf Monate zum Kurs-Gewinn-Verhältnis von 23 im historischen Vergleich nicht teuer.

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle gibt es hier drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Im Markt für Smartphones gibt es kaum mehr grössere Innovationen. Was bedeutet das für Apple? Benedict Evans, Branchenveteran und Partner der Venture-Capital-Firma Andreessen Horowitz, zeigt in seinem Blog auf, wie der iPhone-Hersteller mit Diensten und Accessories auf eine raffinierte «Burggraben-Strategie» setzt, um seine Stellung zu verteidigen.
  • Geräte wie Smartphones, Smartwatches oder Smartspeakers sind immer häufiger in unserem Alltag präsent. Das Tech-Magazin «Wired» schildert in seiner aktuellen Titelgeschichte, wie der brutale Mord einer Seniorin aus San José anhand ihres Fitbit-Schrittzählers aufgeklärt werden konnte.
  • Die US-Präsidentschaftswahlen rücken näher. Im Lager von Donald Trump ist mit Brad Parscale eine umstrittene Figur für die Online-Kampagne verantwortlich. Die investigative Online-Publikation «ProPublica» geht finanziellen Ungereimtheiten um seine Person nach.

Ancient Times

Die Streaming-Kriege weiten sich aus. Im Kampf um Abonnenten für Online-Videodienste hat sich AT&T diese Woche die Publikationsrechte für die populäre Comedy-Serie «The Big Bang Theory» gesichert. Netflix erwirbt im Gegenzug die Lizenz für den Evergreen «Seinfeld».

NBCUniversal, eine Tochter des Kabelriesen Comcast, kündigt derweil für April 2020 den Start des Streaming-Diensts Peacock an, der unter anderem mit Neuauflagen von «Battlestar Galactica» und «Saved by the Bell» um die Gunst des Fernsehpublikums werben wird.

Dass sich in Amerikas Unterhaltungsindustrie ein Umbruch abspielt, drückt sich auch in anderem Zusammenhang aus: Wie es heisst, will Netflix das historische «Egyptian Theatre» in Los Angeles kaufen.

Das traditionsreiche Kino am Hollywood Boulevard wurde 1922 vom Showman Sid Grauman eröffnet, als die Entdeckung des Grabs von Pharao Tutanchamun weltweit für Furore sorgte. Mit den Erstaufführungen von «Robin Hood» und «The Ten Commandments» machte es sich in der Filmmetropole rasch einen Namen.

Weshalb also ist Netflix an dem alten Kasten interessiert, der einem Tempel aus dem antiken Ägypten nachempfunden ist und vorab Reprisen zeigt?

Der Streaming-Pionier hat freilich keine Ambitionen, sich auch als Kino-Kette zu etablieren. Vielmehr geht es ihm darum, sich Goodwill bei der US-Filmindustrie zu verschaffen, die ihre Werke trotz des technologischen Wandels weiterhin auf der grossen Leinwand vorführen will.

Um mit Kolossen wie AT&T, Disney, Comcast oder Apple zu konkurrieren, ist Netflix mehr denn je auf erfolgreiche Eigenproduktionen angewiesen, wozu es nicht nur viel Geld sondern auch gute Beziehungen zu den Studios braucht.

Zudem kann das Unternehmen aus dem Grossraum San Francisco mit dem Kauf des «Egyptian Theatre» seine Präsenz in L.A. ausbauen, wo es bereits mit einem mondänen Geschäftssitz am Sunset Boulevard und Grossplakaten am Sunset Strip vor Ort ist.

Netflix hat sich in Hollywood bislang jedoch wenig Freunde gemacht. Das, weil der Konzern seine Filme sofort auf seiner Plattform ausstrahlen will, anstatt die üblichen 90 Tage abzuwarten, nachdem sie erstmals im Kino erschienen sind.

Schlagzeilen hat vor diesem Hintergrund Steven Spielberg mit der Forderung gemacht, die Regeln bei den Oscar-Verleihungen künftig so zu ändern, dass Filme ausgeschlossen werden, die primär über Online-Dienste gezeigt werden.

Kino-Puristen wie der legendäre Regisseur haben mit solchen Vorstössen bisher allerdings wenig Erfolg. Mit dem Schwarzweiss-Drama «Roma» hat Netflix bei der letzten Oscar-Verleihung gleich drei Preise abgeräumt.

Auch an der kommenden Vergabe will der Streaming-Dienst zu den Stars zählen: Mit «The Irishman» von Martin Scorsese und mit Robert de Niro in der Hauptrolle stellt er Anfang November seine aufwändigste Eigenproduktion vor.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger