The Pulse

Im IPO-Markt kehrt die Spekulationslust zurück

Die Aktien prominenter Börsenneulinge wie Uber, Lyft oder Slack stossen wieder auf Interesse. Das Grundproblem der hohen Bewertungen der IPO-Kandidaten wurde damit nicht entschärft.

Christoph Gisiger

Die Rekordjagd an den Börsen geht weiter. Besonders kräftigen Schub verspüren erneut Aktien aus dem amerikanischen Tech-Sektor. Der Nasdaq 100 hat am Dienstag eine neue Bestmarke erreicht und seit Anfang Jahr bereits 9% gewonnen.

Wer die beeindruckende Performance genauer betrachtet, stellt einmal mehr fest, dass die grössten IT-Kolosse massgeblich für den Auftrieb verantwortlich sind.

Das gilt speziell für die Titel von Microsoft, die seit Ende Dezember 17% vorgeprescht sind. In knapp sechs Wochen hat sich die Marktkapitalisierung von «Mr. Softy» dadurch um 200 auf 1400 Mrd. $ erhöht und kommt nun dem Börsenwert von Apple gleich.

Deutlich zugelegt haben ebenso Amazon, Google und Apple. Nach einem durchwachsenen Quartalsabschluss schneidet Facebook hingegen am schwächsten ab:

Performance seit Anfang Jahr

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Nachrichten aus dem regulatorischen Bereich haben die Titel der «Big Five» am Dienstag im Handelsverlauf zwar etwas gebremst. Medienberichten zufolge sehen sich die US-Wettbewerbshüter jetzt auch Transaktionen genauer an, mit denen die fünf Tech-Riesen kleinere Konkurrenten übernommen haben.

Befürchtungen, dass die Coronavirus-Epidemie die Perspektiven im Tech-Sektor nachhaltig trüben könnte, scheinen hingegen verflogen.

Das Ausmass der Krise in China manifestiert sich jedoch allmählich in den Gewinnschätzungen. Auffällig ist, dass Analysten die Prognosen nicht nur für das erste Quartal, sondern nun auch bis zur letzten Berichtsperiode dieses Jahres senken.

Vor drei Wochen rechneten sie noch damit, dass US-Konzerne den Gewinn im vierten Quartal fast 15% steigern werden. Inzwischen sind es weniger als 12%. Das ist zwar noch immer respektabel. Stutzig macht aber das Tempo der Revisionen:

Quelle: Bianco Research

Quelle: Bianco Research

«In welchem Umfang die globalen Zulieferketten durch das Virus beschädigt werden, könnte damit zu einem der wichtigsten Themen des Jahres werden», meint dazu der Bondspezialist Jim Bianco.

Inwiefern das den Risikoappetit an den Börsen dämpfen wird, ist allerdings schwierig zu sagen. Die zunehmende Spekulationslust hat auch die Aktien prominenter Börsenneulinge wie Uber, Lyft oder Slack wieder erfasst, die zeitweise stark unter Druck geraten waren.

«The Pulse» konzentriert sich in der heutigen Ausgabe deshalb auf die wichtigsten Trends im IPO-Markt.

Neues Interesse an Publikumsöffnung

Das neu erwachte Interesse an Börsenzugängen lässt sich anschaulich am IPO-ETF des Brokers Renaissance Capital illustrieren.

Das Investmentvehikel, das knapp sechzig Titel umfasst, markierte Anfang Oktober nach dem Debakel um WeWork ein Tief. Seither ist der Kurs annähernd 25% avanciert, während der S&P 500 rund 14% gewonnen hat:

Renaissance IPO ETF

Renaissance IPO ETF
S&P 500 (angeglichen)

Am meisten profitiert haben die Aktien der Fahrdienste Uber und Lyft. Das, obschon beide Konzerne weiterhin tiefrote Zahlen schreiben.

Wie Lyft am Dienstag nach Börsenschluss meldete, ist der Umsatz für 2019 fast 70% gestiegen. Gleichzeitig hat sich der Verlust aber von 900 Mio. $ auf 2,6 Mrd. $ erhöht. Im Fall von Uber resultiert sogar ein Fehlbetrag von mehr als 8,5 Mrd. $.

Neue Dynamik entwickeln ebenso die Valoren von Peloton (interaktive Hometrainer), Chewy (Online-Versand von Tiernahrung) oder des Kollaborationsdiensts Slack.

Zu den wenigen Verlierern gehören demgegenüber die Fotoplattform Pinterest, der Fleischersatzhersteller Beyond Meat und The RealReal, ein Internethändler für Second-Hand-Bekleidung:

Kursentwicklung seit Anfang Oktober

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Mit Uber und Lyft bewegen sich die grössten zwei Börsenzugänge des letzten Jahres allerdings nach wie vor 8 bzw. 25% unter dem Emissionspreis. Peloton und Slack handeln ungefähr auf dem gleichen Kursniveau wie zur Publikumsöffnung, Beyond Meat, Chewy und Pinterest zum Teil weit darüber.

Bedeutende Börsengänge 2019

Branche Börsenwert IPO Datum Emissionsvolumen IPO-Pop Performance
Uber Transport 70,8
9.5. '19 8,1 –7,6 –8,3
Zoom Video Video-Konferenzen 24,5
18.4. '19 0,8 72,2 146,3
Lyft Transport 16,1
28.3. '19 2,3 8,7 –25,1
SmileDirectClub Medtech 15
11.9. '19 1,3 –27,5 –35,4
Slack Work-Kollaboration 14,3
20.6. '19 - 48,5 –0,1
Crowdstrike Anti-Virus 13,9
12.6. '19 0,7 70,6 91,7
Pinterest Soziale Medien 13,8
17.4. '19 1,4 28,4 26,3
Chewy Tiernahrung 11,1
13.6. '19 1 59 26
Avantor Chemie 9,9
16.5. '19 2,9 3,6 24,3
Peloton Fitness 8
25.9. '19 1,2 –11,2 –1,2
Beyond Meat Food-Tech 7,2
2.5. '19 0,3 163 368,6

Casper, das IPO-Schreckgespenst

Auch wenn die Einstellung gegenüber Börsengängen wieder freundlicher ist, ändert das wenig am Grundproblem, mit dem Investoren bei den grossen Startup-Unternehmen aus dem Silicon Valley zu kämpfen haben.

Im Markt für Wagniskapital bleiben die Bewertungen aufgebläht, wie das jüngste Drama um Casper zeigt. Der unprofitable Online-Anbieter von Schlafmatratzen wurde in der letzten Finanzierungsrunde zu gut 1 Mrd. $ bewertet. Beim IPO vom letzten Donnerstag haben ihm Publikumsaktionäre mit 480 Mio. $ nur noch halb so viel attestiert.

Gemäss dem Venture-Datendienst PitchBook hat Casper eine der schärfsten Bewertungskorrekturen während der letzten zwanzig Jahre erfahren. (WeWork musste den Börsengang aus diesem Grund sogar ganz absagen.)

Andere Beispiele für einen empfindlichen «Haircut» beim IPO sind der Zahlungsdienstleister Square, Pinterest oder das Cloud-Softwareunternehmen Dropbox:

Grosse IPO-Flops

Branche Sitz IPO-Datum Bewertung Erster Börsenwert Verlust
Pinterest Soziale Medien San Francisco Apr 19 12,3
10,1 –18,2
Dropbox Cloudsoftware San Francisco Mär 18 10
8,2 –17,7
Square Finanzen San Francisco Nov 15 6
3 –50,8
Reata Pharma Irving, Texas Mai 16 3
0,2 –92,1
Silver Spring Networks Smart Grid San José Mär 13 2,9
0,8 –73,4
Casper Online-Versand New York Feb 20 1,1
0,5 –56,7

Wie fast bei jedem Börsengang konnte dann auch Casper am ersten Handelstag einen ansehnlichen Kurssprung von fast 13% verzeichnen. Zum Schlusskurs vom Dienstag notieren die Titel jetzt aber bereits mehr als 17% unter dem Emissionspreis.

Weil sich das Unternehmen in einem ausgesprochen wettbewerbsintensiven Markt bewegt und die Aussichten auf ein baldiges Erreichen der Gewinnschwelle gering sind, würde es nicht überraschen, wenn der Kurs in den kommenden Monaten weiter nach unten tendiert.

Für andere stolz bewertete Unternehmen, die demnächst ein IPO beabsichtigen, ist Caspers kühler Empfang an der Börse alles andere als ermutigend.

Auf der Liste möglicher Kandidaten fungieren unter anderen Airbnb, der Online-Broker Robinhood sowie die Restaurant-Kuriere DoorDash und Postmates:

Prominente IPO-Kandidaten

Branche Aufgenommene Mittel Bewertung
Airbnb Gastgewerbe 3,1 31
DoorDash Restaurant-Kurrier 2,1 12,7
Robinhood Online-Broker 0,9 7,6
Credit Karma Finanzdienste 0,9 4
Postmates Restaurant-Kurrier 0,9 2,4

Entscheidend wird vor allem die Entwicklung im Fall von Airbnb sein – dem potenziell gewichtigsten Börsengang in diesem Jahr.

Auf Basis der letzten Finanzierungsrunde vom März 2017 ist die Internetbörse für Ferienwohnungen zu 31 Mrd. $ bewertet. Bislang hiess es stets, dass Airbnb rentabel arbeite und deshalb bessere Aussichten auf eine erfolgreiche Publikumsöffnung habe als IPO-Flops wie Uber und Lyft.

Wie das «Wall Street Journal» nun aber berichtet, hat der Konzern mit Sitz in San Francisco in den ersten neun Monaten von 2019 mehr als 320 Mio. $ Verlust eingefahren. Die Virus-Epidemie in China, ein wichtiger Wachstumsmarkt für Airbnb, dürfte die Börsenpläne zusätzlich verkomplizieren.

Singer investiert in SoftBank

In den USA beläuft sich die Zahl der Startup-Unternehmen, die zu mehr als 1 Mrd. $ bewertet sind, auf einen Rekord von annähernd 200 Firmen. Auch Unicorns genannt, sind sie gemäss einer Studie von PwC und CB Insights insgesamt zu rund 635 Mrd. $ bewertet:

Der weltweit grösste Unicorn-Besitzer ist die japanische Beteiligungsgesellschaft SoftBank. Wegen des WeWork-Debakels und wegen happiger Wertberichtigungen auf Uber, Slack und anderen Engagements ist sie zuletzt denn auch in die Schlagzeilen geraten.

Nach einer Reihe von Negativmeldungen kann SoftBank-Chef Masayoshi «Masa» Son diese Woche einen wichtigen Sieg verbuchen.

Der finanziell lädierte US-Mobilfunkanbieter Sprint, der sich zu knapp 85% unter der Kontrolle von SoftBank befindet, hat die Zustimmung zur Fusion mit dem Konkurrenten T-Mobile erhalten. An der Börse von Tokio sind Aktien von SoftBank daraufhin annähernd 12% avanciert.

Bei der Publikation von SoftBanks Quartalszahlen ist heute Mittwoch zudem noch ein weiteres Thema im Zentrum gestanden: Wie letzte Woche bekannt geworden ist, hat sich Paul Singer zu 2,5 Mrd. $ am japanischen Konglomerat beteiligt.

Der Chef des Hedge Funds Elliott Management betont zwar, dass sein Engagement auf «freundschaftlichen» Absichten basiere. Bekannt ist aber ebenso, dass er rasch ungemütlich werden kann, wenn sich ein Investment nicht nach seinen Vorstellungen entwickelt.

Offenbar soll der berühmt-berüchtigte Aktivist Aktienrückkäufe im Umfang von 10 bis 20 Mrd. $ sowie eine Verbesserung der Corporate Governance fordern. Zur Finanzierung des gewünschten Buyback-Programms dürfte er darauf drängen, dass SoftBank die Beteiligung an Alibaba reduziert.

Ein Anliegen von Singer wird ebenso die Konsolidierung von SoftBanks Vision Fund sein. Mit einem Volumen von 100 Mrd. $ ist dieses kühne Konstrukt weltweit in rund achtzig Startup-Unternehmen investiert.

Darunter befinden sich etwa die asiatischen Uber-Rivalen Didi Chuxing und Grab, der koreanische Online-Händler Coupang sowie DoorDash und diverse weitere Unicorns aus den USA.

Gut möglich also, dass für einige davon der Druck zu einem Börsengang in den kommenden Monaten wächst. Sons Pläne für eine Zweitauflage des Vision Fund rücken jedenfalls zusehends in die Ferne.

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle gibt es hier drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Mit SpaceX, Blue Origin und Virgin Orbit machen sich Privatkonzerne von Milliardären wie Elon Musk, Jeff Bezos und Richard Branson an die Kommerzialisierung des Weltraums. Umso beachtenswerter ist der Erfolg des kleinen Startups Astra, das im Rekordtempo eine Rakete zum Abschuss von Satelliten entwickelt hat und nun von der US-Militärforschungsbehörde Darpa favorisiert wird. «Bloomberg Businessweek» geht der verblüffenden Space-Story nach.
  • Hollywood-Studios und Riesen der amerikanischen Unterhaltungsindustrie wie Netflix und Disney haben ihre besten Filme vor den Oscar-Verleihungen mit Millionen beworben. Mit «Parasite» war jedoch ein Aussenseiter aus Südkorea der grosse Star der Filmnacht. Das Wirtschaftsblatt «Fortune» geht deshalb der Frage nach, wie viel ein Oscar-Preis wert ist. (Der Artikel ist wie alle Links in dieser Rubrik kostenfrei. Eine Anmeldung ist jedoch erforderlich.)
  • Im amerikanischen Wahlkampf schreiten die Primaries rasch voran. Anders als vor vier Jahren sehen sich die Demokraten dieses Mal mit einer gut organisierten und mit reichlich Mitteln ausgestatteten Kampagne aus dem Weissen Haus konfrontiert. Das Magazin «The Atlantic» wirft einen Blick auf die Online-Propagandamaschine der Trump-Regierung.

Diamond Princess

Die Coronavirus-Epidemie breitet sich weiter aus. Zum aktuellen Stand haben sich weltweit über 43’000 Menschen infiziert, mehr als 1000 sind daran gestorben. Die überwiegende Zahl der Erkrankungen bezieht sich nach wir vor auf das chinesische Festland.

Meist vereinzelt treten aber fast überall auf der Welt Fälle auf. Der grösste Krisenherd nach China ist allerdings nicht ein anderes asiatisches Land wie Taiwan, Singapur oder Südkorea, sondern das Kreuzfahrtschiff «Diamond Princess» mit über 130 Erkrankungen.

Der Oceanliner mit rund 3600 Menschen an Bord steht seit bald zehn Tagen unter Quarantäne und befindet sich in der Nähe des Hafens von Yokohama. Zu den Passagieren gehören unter anderen zwei Schweizer sowie Carl und Jeri Goldman aus Südkalifornien, die in ihrer Kabine festsitzen.

Das Ehepaar aus Santa Clarita betreibt den Lokalradio-Sender KHTS und wollte Ferien auf der «Diamond Princess» verbringen. Weil es voraussichtlich erst am 19. Februar nach Amerika zurückkehren kann, berichtet es den Hörern im Abdeckungsgebiet nördlich von Los Angeles nun regelmässig über den Alltag sowie die neuesten Entwicklungen auf dem Luxusdampfer.

Zur Routine der beiden gehört mitunter, dreimal pro Tag die Körpertemperatur zu messen. Falls diese über 37,5 Grad steigen sollte, müssen Passagiere das umgehend der Besatzung melden. Nach anfänglicher Knappheit an Nahrungsmitteln und Toilettenartikeln sei die Versorgung inzwischen ganz gut, hält Carl fest.

«Wir gehören zu den Glücklichen an Bord», schreibt er auf der Homepage seines Radiosenders. «Bevor die Kreuzfahrt begann, hatten wir eine Mini-Suite gebucht, sodass wir über etwas mehr Raum verfügen, inklusive eine Couch, zwei TV-Geräte und einen kleinen Balkon.»

Nach einer zunächst spärlichen Auswahl an Videofilmen hat die Schiffscrew jetzt auch das Unterhaltungsangebot aufgestockt. Mit Blick auf die prekäre Lage sind problematische Filme wie «The Andromeda Strain», «Contagion» oder «Ghost Ship» glücklicherweise nicht darunter.

Diese Woche war es den beiden ausserdem erstmals für eine Stunde erlaubt, sich auf dem Deck aufzuhalten. Das jedoch nur mit Gesichtsmaske, Hut und Handschuhen geschützt. Ebenso musste stets ein Abstand von mindestens zwei Metern zu anderen Passagieren eingehalten werden.

«Wie immer bei unseren Spaziergängen hat mich meine Frau rasch abgehängt», meint Carl zum raren Ausflug. «Ich hingegen hielt mich wie üblich an mein langsames Schritttempo, wobei wir unsere Freiheit genossen haben.»

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger