The Pulse

Chips erobern die Welt

Von 5G-Smartphones über Elektroautos bis hin zu künstlicher Intelligenz und Cloud-Diensten: Halbleiter sind der Motor zur digitalen Transformation der Wirtschaft. Das regt an der Börse die Fantasie an, wie die eindrücklichen Avancen von Chipaktien wie Nvidia, Broadcom oder TSMC zeigen.

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Party like it’s 1999: Ungefähr so lässt sich die aktuelle Stimmung im Tech-Sektor charakterisieren. Vergangene Woche rauschten vor allem Cloud-Aktien wie Salesforce, Workday und MongoDB in den Himmel – jetzt ergreift die Euphorie den IPO-Markt.

Paradebeispiel ist Zoom Video. Die Titel des Softwareherstellers für Videokonferenzen sind am Dienstag mehr als 40% vorgeprescht. Die Firma aus San José, die im April 2019 an die Börse kam, ist damit auf dem Papier fast 130 Mrd. $ wert – 20 Mrd. $ mehr als IBM.

Klar, die Zahlen, die Zoom-Chef Eric Yuan am Montag nach Börsenschluss präsentierte, sind eindrücklich: Der Umsatz hat sich im vergangenen Quartal um 355% verbessert, die Marge des freien Cashflows beträgt 53%. Dennoch: Mit einem Umsatz-Vielfachen von 95 weckt die Bewertung der Aktie unschöne Erinnerungen an Dotcom-Manie Ende der Neunzigerjahre.

Auch andere Börsenneulinge waren am Dienstag heiss begehrt. Crowdstrike und Pagerduty (Cybersecurity) sowie Chewy (Online-Handel mit Haustierprodukten) avancierten 12 bis 15%. Der IPO ETF des Brokers Renaissance Capital, der rund vierzig Titel umfasst, rückte knapp 7% auf ein neues Rekordhoch vor:

Renaissance IPO ETF

Performance seit Anfang Jahr, in %
Renaissance IPO ETF
Nasdaq 100
S&P 500

Diese Begeisterung an den Börsen wollen diverse Startup-Unternehmen nutzen. Mit Snowflake, Unity Software, JFrog, Sumo Logic und Amwell haben letzte Woche fünf weitere «Unicorns» aus dem Tech-Sektor die Unterlagen für einen Börsengang eingereicht. Zählt man die IPO-Kandidaten Palantir und Asana hinzu, umfassen diese sieben Firmen eine Bewertung von insgesamt rund 44 Mrd. $.

«Alle diese Unternehmen sind begierig darauf, das Eisen zu schmieden, solange es heiss ist. Sie wollen an die Börse gehen, wenn die Märkte boomen und bevor Unsicherheit mit Blick auf die US-Wahlen aufkommt», kommentiert das Researchhaus PitchBook den Ansturm.

Aufhorchen lässt in diesem Zusammenhang, dass die US-Börsenaufsicht SEC soeben eine Anfrage der New York Stock Exchange bewilligt hat, die Auflagen für Direktkotierungen zu lockern. Die Börsenbetreiberin Nasdaq hat vor wenigen Tagen ein ähnliches Ansuchen beim Regulator eingereicht.

Demnach können Unternehmen jetzt auch bei einer Direktkotierung zusätzliche Aktien ans Publikum emittieren. Bis anhin durften im Rahmen solcher Transaktionen nur Titel von bestehenden Aktionären an der Börse verkauft werden.

Die grosse Bewährungsprobe für die Hausse am IPO-Markt findet diesen Herbst jedoch nicht in New York, sondern in Asien statt. Ant Group, die Fintech-Tochter des chinesischen Internetriesen Alibaba, will im Oktober mit einer Publikumsöffnung an den Börsen von Hongkong und Schanghai 30 Mrd. $ aufnehmen.

Es wäre demnach das grösste IPO (Initial Public Offering) aller Zeiten; noch vor dem Börsengang des Energiegiganten Saudi Aramco, der letzten Dezember Aktien im Wert von 25,6 Mrd. $ platziert hatte.

Wie «Bloomberg» vorrechnet, könnten Firmen aus dem Tech-Sektor dieses Jahr global rund 57 Mrd. $ über IPO aufnehmen – die höchste Summe seit 1999, als sich das Volumen auf 62 Mrd. $ belief.

Globales IPO-Volumen im Tech-Sektor

in Mrd. $
Emissionsvolumen
Ant IPO
Prognose (2020)

Dazu passt, dass auch Tesla erneut aktiv wird. Am Dienstag – einen Tag nach dem Vollzug des Aktiensplits im Verhältnis 5:1 – hat der Elektroautohersteller eine Kapitalerhöhung von bis zu 5 Mrd. $ angekündigt. Allerdings geht Tesla nicht im klassischen Stil vor, sondern will Aktien einfach «von Zeit zu Zeit» sporadisch emittieren.

Nachdem der Kurs von Tesla seit Anfang Jahr fast 470% gestiegen ist, nutzt Gründer Elon Musk die Börse also einfach als Bancomaten. So muss er keine Zeit mit einer Roadshow und «langweiligen» Fragen von institutionellen Investoren verschwenden. An Wallstreet werden Kapitalerhöhungen dieser Art deshalb auch als ATM-Verfahren (Automated Teller Machine, die amerikanische Bezeichnung für Bancomat) bezeichnet.

Zu den spannendsten Börsengängen wird in den nächsten Wochen das IPO des Speicherchipherstellers Kioxia in Tokio zählen. Die vormalige Tochter von Toshiba wurde 2018 von der Private-Equity-Firma Bain Capital übernommen und strebt eine Bewertung von rund 20 Mrd. $ an.

«The Pulse» nimmt das als Anlass, sich in der heutigen Ausgabe mit den Aussichten im Halbleitersektor zu befassen.

Chips erobern die Welt

Das Coronavirus gibt der Digitalisierung der Wirtschaft einen kräftigen Schub. An der Börse sorgt das für Bewegung: Grosse Technologiewerte wie Apple, Amazon, Microsoft oder Netflix gelten als «Pandemie-Gewinner», ihre Aktien geben den Takt am Gesamtmarkt vor.

Besonders eindrücklich macht sich der Umbruch bei Cloud-Diensten bemerkbar. Trends wie «Work from Home» sorgen für einen Boom bei internetbasierten Rechendiensten.

Der technologische Wandel manifestiert sich ebenso in anderen Bereichen. Von der schnelleren Datenübertragung im Mobilfunk durch 5G über den Einsatz von Supercomputern bei der Forschung nach neuen Medikamenten bis hin zum florierenden Online-Handel.

Möglich ist das alles nur dank immer leistungsfähigeren Halbleitern. Anders gesagt: Chips sind der Motor, der die digitale Revolution antreibt.

Dass die filigranen Silikonplättchen in immer mehr Bereichen zum Einsatz kommen, reflektieren die Aktienkurse. Kaum ein Segment weist über die vergangenen zehn Jahre eine bessere Performance aus als der Halbleitersektor.

Der PHLX Semiconductor Index (SOX), der dreissig führende Halbleiterkonzerne umfasst, hat seit Anfang September 2010 mehr als 630% gewonnen:

PHLX Semiconductor Index

Performance über letzte zehn Jahre, in %
PHLX Semiconductor Index (SOX)
Nasdaq 100
S&P 500

Einzelwerte wie Nvidia 📈, Broadcom 📈 und AMD 📈 sind sogar rund 5800%, 1600% und 1500% vorgeprescht.

Das nächste «grosse Ding»

Damit fragt sich, was Investoren nach diesen Avancen in Zukunft von Chipaktien erwarten können.

Kurzfristig wird sich der Fokus diese Woche auf die monatlichen Umsatzzahlen des Branchenverbands SIA richten. Der letzte Report vor einem Monat hatte gezeigt, dass im Juni weltweit Chips im Wert von fast 33 Mrd. $ abgesetzt worden sind.

Das ist ein Zuwachs von gut 5% im Vergleich zum Vorjahresmonat und entspricht einer konstanten Entwicklung gegenüber Mai:

Quelle: SIA

Quelle: SIA

Interessieren wird zudem, was Broadcom am Donnerstag zum Ausblick der Branche sagt. Der Spezialist für Mobilfunkchips gilt als einer der Hauptprofiteure des ersten 5G-fähigen iPhones, von dem Apple gemäss «Bloomberg» später im Jahr 75 Mio. Geräte verkaufen will.

Wichtiger ist jedoch, wie es auf mittlere bis lange Sicht weiter geht. Bisher wurde die Entwicklung im Halbleitersektor von vier grossen Paradigmenwechseln geprägt, die sich jeweils über rund ein Jahrzehnt vollzogen. Die erste Umwälzung kam durch die Einführung von Mainframe-Grossrechnern in Gang, dann begann der Siegeszug des Desktop Computers, worauf sich Laptops etablierten. Der letzte Zyklus drehte sich um das Smartphone, das sich ab 2007 durchsetzte.

Was also ist das nächste «grosse Ding»? «Momentan ist zwar keine neue ‹Killer App› ersichtlich, die für die nächste Explosion von Halbleiter-Anwendungen sorgen könnte», meint dazu Brad Slingerlend von NZS Capital. «Umso mehr begeistert uns aber, dass es heute kaum einen Wirtschaftszweig gibt, in dem Chips nicht vermehrt eingesetzt werden», fügt er hinzu. Als Beispiele nennt er intelligente Erntemaschinen, Elektroautos, smarte Toaster und unzählige andere Geräte.

Gleichzeitig spielen sich strukturelle Veränderungen ab: Neue Herausforderer brechen jahrzehntealte Hierarchien auf, Übernahmen und Fusionen dämpfen den schwankungsanfälligen Charakter der Hableiterindustrie, und geopolitische Faktoren veranlassen Staaten, Produktionsstrukturen und Lieferketten neu zu überdenken.

Das «Wintel»-Imperium bröckelt

Eine der dramatischsten Entwicklungen findet gegenwärtig im Wettlauf um die technologische Führerschaft ab.

Wenn es um die Fertigung der leistungsfähigsten Halbleiter ging, konnte lange kein Unternehmen mit Intel📈 mithalten. Das «Wintel»-System, basierend auf Mikroprozessoren von Intel und dem Windows-Betriebssystem von Microsoft, dominiert seit Jahrzehnten die IT-Industrie.

Intels Vorherrschaft beruht darauf, dass der Konzern aus Kalifornien der Konkurrenz stets sechs bis fünfzehn Monate voraus war. Er puschte damit Moore’s Law immer weiter voran; den nach Intel-Gründer Gordon Moore benannten Trend, gemäss dem sich die Rechenperformance von Halbleitern zu konstanten Kosten etwa alle zwei Jahre verdoppelt.

Intel eröffneten sich dadurch zwei entscheidende Vorteile: Die Prozessoren des Konzerns lieferten mehr Rechenleistung zu einem attraktiveren Preis als diejenigen der Konkurrenz. Zudem wurde Software primär für die x86-Architektur von Intel-Chips geschrieben, was die Performance zusätzlich verbesserte.

Sowohl im PC- wie auch Servermarkt führt deshalb kein Weg an Intel vorbei:

Anteile im Markt für Mikroprozessoren

Globaler Verkauf von Server- und PC-Chips, in Mrd. $
Intel
AMD
Prognose (ab 2019)

Im Sommer 2018 wurde das «Wintel»-Imperium jedoch erstmals durch ein historisches Beben erschüttert. Intel musste einräumen, dass sich die Produktion von Chips der nächsten Generation verzögern wird. Plötzlich war damit der Auftragsproduzent Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC) im Lead.

Vor wenigen Wochen warnte Intel erneut vor Problemen in der Produktion. Der Rückstand gegenüber TSMC 📈 wird sich dadurch weiter vergrössern.

Rivalen holen auf

«Monokausale Erklärungen sind problematisch. Meiner Meinung nach ist jedoch Arroganz dafür verantwortlich, dass Intel die Spitzenposition verloren hat», sagt Gavin Baker von Atreides Management.

Aus seiner Sicht war der Konzern derart überheblich, dass er beim Produktionsequipment aus Kostengründen nur mit zweitrangigen Ausrüstern wie Nikon zusammenarbeitete. Gleichzeitig setzte er sich enorm aggressive Ziele für die Verdichtung der Transistoren auf seinen neuen Chips.

Besonders peinlich: Intel ist für die Produktion bestimmter Chips jetzt sogar auf die Hilfe von TSMC angewiesen. Anders als Intel arbeitet der Auftragsfertiger aus Taiwan seit Jahren mit ASML 📈 zusammen, dem führenden Ausrüster für Lithografiesysteme, die extrem ultraviolette Strahlung (EUV) nutzen.

Von der Verschiebung der Kräfteverhältnisse profitiert in erster Linie Intels Hauptkonkurrent AMD. Dieser hat seit 2009 sämtliche Produktion an Spezialisten wie TSMC ausgelagert. Auch andere, sogenannte «Fabless»-Konzerne wie Nvidia, Qualcomm und Broadcom, die keine eigenen Chipfabriken betreiben und ebenfalls auf TSMC vertrauen, sind nun technologisch im Vorteil.

Das gilt ebenso für die Tech-Riesen Apple, Amazon und Google. Sie konzipieren für ihre Endgeräte und Server-Farmen inzwischen eigene Halbleiter mit alternativen Chip-Architekturen wie ARM oder RISC-V - und lassen diese dann von TSMC fertigen.

Entsprechend harsch fällt das Verdikt von Investoren aus. Die Aktien von Intel notieren aktuell 26% unter dem 52-Wochen-Hoch. Gemessen an der Marktkapitalisierung rangiert der Konzern in der Halbleiterbranche nur noch an vierter Stelle hinter TSMC, Nvidia und Samsung Electronics:

Grösste Halbleiterkonzerne

Börsenwert in Mrd. $
Intel
TSMC
Nvidia
Samsung Electronics
Broadcom
Qualcomm
Texas Instruments

Konzentration im Memory-Segment

Die zweite grundlegende Veränderung betrifft den zyklischen Charakter der Branche.

Weil Chips in immer mehr Bereichen der Wirtschaft zum Einsatz kommen, hängt der Geschäftsgang vieler Hersteller weniger stark als früher von Grossereignissen wie der Einführungen des nächsten Windows-Betriebssystems oder der Lancierung einer neuen Smartphone-Generation ab.

Eine wichtige Rolle spielen ebenso Übernahmen und Fusionen. Die Zunahme an M&A-Transaktionen hat über die letzten Jahre dazu geführt, dass die Konzentration in der Halbleiterbranche steigt und führende Produzenten mehr Marktmacht erhalten.

Am deutlichsten zeigt sich das im Memory-Segment. Kämpften im Bereich DRAM-Speicherchips 2009 noch rund zehn verschiedene Anbieter gegeneinander an, kontrollieren die koreanischen Hersteller Samsung und SK Hynix zusammen mit Micron Technology aus den USA heute rund 95% des Marktes.

Eine Folge davon sind festere Margen. Micron zum Beispiel hat im letzten grossen Memory-Zyklus der Jahre 2017–19 auf operativer Stufe konstant profitabel gewirtschaftet, obschon der Umsatz in manchen Quartalen über 40% eingebrochen ist:

Micron Technology: operative Entwicklung

Pro Quartal, in %
Umsatzveränderung
Ebit-Marge

Ob sich die Erholung im Markt für Speicherchips fortsetzt, werden Investoren am 29. September erfahren, wenn Micron die Quartalszahlen präsentiert.

Broadcom bewegt den M&A-Markt

In anderen Segmenten des Halbleitersektors verändern sich die Wettbewerbsstrukturen ebenfalls. Eine Initialzündung für den Konzentrationsprozess hat 2015 der 37 Mrd. $ schwere Reverse-Merger von Avago Technologies mit Broadcom ausgelöst.

Für die zunehmende M&A-Aktivität ist damit massgeblich Hock Tan verantwortlich. Der frühere Avago-Chef mit malaysischen Wurzeln führt Broadcom im Stil eines Private-Equity-Unternehmens und hat in den letzten fünf Jahren weitere Akquisitionen im Umfang von insgesamt rund 50 Mrd. $ durchgeführt.

Mit dem Kauf von CA Technologies (18,9 Mrd. $) und Symantec (10,7 Mrd. $) ist Broadcom dabei in neue Märkte wie Software für Grossrechner und IT-Sicherheit vorgedrungen.

«Das Akquisitionstempo in der Chipbranche hat sich seit 2015 auf ein ‹New Normal› von 25 bis 30 Mrd. $ pro Jahr beschleunigt», konstatiert das Researchhaus IC Insights. «Grosse Anbieter suchen nach Deals, um das Wachstum mit neuen Produkten und Technologien zu forcieren.»

Gemäss IC Insights ist das globale M&A-Volumen 2019 auf knapp 32 Mrd. $ gestiegen, nachdem es sich in den zwei vorangegangenen Jahren um rund 28 respektive 26 Mrd. $ bewegt hatte:

M&A-Aktivität im Halbleitersektor

in Mrd. $
Übernahmen
gescheiterte Akquisition von NPX durch Qualcomm (39 Mrd. $)

Dieser Trend lässt sich derzeit auch an der Schweizer Börse beobachten. Der Halbleiter- und Sensorhersteller AMS 📈 hat vor wenigen Wochen die rund 4,6 Mrd. € schwere Akquisition des deutschen Lichtkonzerns Osram abgeschlossen. Ziel des AMS-Managements ist es, aus dem Verbund «den unangefochten führenden Anbieter von optischen Lösungen» zu schaffen.

In den USA hat Analog Devices 📈 derweil Mitte Juli eine rund 21 Mrd. $ teure Offerte für Maxim Integrated📈 lanciert. Die Fusion zielt auf ein breiteres Portfolio ab, um zu Branchenführer Texas Instruments aufzurücken: Die Stärken von Maxim liegen in den Endmärkten Automotive und Data Center, während Analog auf Anwendungen in der Industrie und im Gesundheitssektor spezialisiert ist.

Mittelpunkt des Tech-Kriegs

Der immer breitere Einsatz von Halbleitern und die wachsende Bedeutung einzelner Chipkonzerne hat nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen. Der Sektor wird auch aus geopolitischer Perspektive immer wichtiger.

Aktuell dominieren diesbezüglich Schlagzeilen zum Tech-Krieg zwischen den USA und China. Washington nimmt primär den chinesischen IT-Koloss Huawei ins Visier und kappt ihm mit immer schärferen Boykottmassnahmen den Zugang zu Halbleitern ab.

Gemäss der Branchenpublikation «DigiTimes» soll Huawei soeben einen neuen Effort gestartet haben, um Zeit zu gewinnen. So steigen die Preise für DRAM-Speicherchips seit letzter Woche aufgrund von Spekulationen an, dass der Konzern seine Lager weiter aufstockt, bevor die neuen US-Sanktionen Mitte September in Kraft treten.

Der Konflikt dreht sich jedoch um weit mehr als nur Huawei: «Auf dem Spiel stehen wichtige Industrien der Zukunft: Datenanalyse, Robotik, künstliche Intelligenz, Überwachungstechnologien und 5G-Netzwerke, um nur einige zu nennen», sagt Alex Capri vom Think Tank Hinrich Foundation.

«Den Kern dieser Anwendungen bilden Halbleiter, die den Betrieb aller möglichen Geräte überhaupt erst ermöglichen: Vom Smartphone bis zum satellitenbasierten Raketensystem», fügt Capri hinzu. «Kurzum: Chips sind das zentrale Nervensystem und das Gehirn jeder modernen Technologie.»

Erste Spannungen im Sektor traten schon 2017 auf, als die US-Regierung die 120 Mrd. $ teure Akquisition von Qualcomm durch Broadcom aus «Bedenken zur nationalen Sicherheit» blockierte. Das, obschon Broadcom den Sitz seines Konzerns im Vorfeld der Offerte von Singapur nach Kalifornien verlagert hatte.

Aus amerikanischer Sicht stellt sich im Tech-Krieg vor allem ein Problem: US-Konzerne kommen zwar für annähernd 50% der globalen Chipverkäufe auf. Die Produktion selbst konzentriert sich jedoch stark auf Asien und in erster Linie auf Taiwan.

Annähernd 70% aller Halbleiter werden auf der Insel hergestellt oder passieren sie beim Produktionsprozess:

Globale Halbleiterproduktion

Standort der Unternehmen
USA
Japan
Europa
Taiwan
China
Singapur
Andere

Hinzu kommt ein zweiter Aspekt. Im Bereich der absoluten Spitzentechnologie beschränkt sich das Knowhow auf drei Akteure: TSMC, Samsung Electronics und – trotz der jüngsten Pannen – Intel.

Chinesische Chiphersteller wie die Huawei-Tochter HiSilicon hinken noch Jahre hinterher. Das ändert aber nichts daran, dass sich die modernsten Fabriken rund 10’800 km von der US-Pazifikküste entfernt und im unmittelbaren Einflussgebiet Pekings befinden.

Vor diesem Hintergrund bemühen sich die USA mit parlamentarischen Vorstössen wie dem «Chips for America Act», verstärkt, die heimische Chipfabrikation zu stützen. So hat auch TSMC angekündigt, für 12 Mrd. $ ein Werk in Arizona zu errichten. Wie es heisst, will auch Intel die Produktion in Amerika ausbauen, wo der Konzern die meisten Fabriken hat.

Bis diese Pläne umgesetzt sind, ist es aber vielleicht schon zu spät.

Deep Diving

An dieser Stelle präsentieren wir wie immer einige Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Zu den zahlreichen Startup-Unternehmen aus dem Silicon Valley, die in den nächsten Wochen an die Börse drängen, gehört Asana. Hinter dem cloudbasierten Kollaborationsdienst steht Dustin Moskovitz, der sich zu Studienzeiten das Zimmer mit Facebook-Gründer Mark Zuckerberg teilte und 2011 als jüngster Selfmade-Milliardär gefeiert wurde. Das Wirtschaftsblatt «Forbes» geht der Karriere des 36-jährigen IT-Entrepreneurs in einem farbigen Portrait nach.
  • Mit viel Brimborium hat Elon Musk ein «Forschungs-Update» zu seiner Firma Neuralink präsentiert, die an der Schnittstelle zwischen menschlichem Gehirn und Computer experimentiert. Gezeigt wurden unter anderem die – angeblichen – Gehirnströme eines Schweins, in dessen Kopf ein Chip implantiert war. Die «MIT Technology Review» des Massachusetts Institute of Technology nimmt den Anlass kritisch unter die Lupe und bezeichnet Musks Präsentation als «neurowissenschaftliches Theater».
  • Das Coronavirus legt die mangelnde Koordination zwischen Staaten offen, wenn es um globale Probleme geht. Die Pandemie ist aber auch eine Chance, anhand der riesigen Menge an Daten mehr über das menschliche Verhalten zu lernen. Der Schlüssel dazu sei, unsere Gesellschaft als komplexes System zu verstehen, halten die Computer-Wissenschafterinnen Jessica Flack und Melanie Mitchell in einem faszinierenden Essay für die Online-Publikation «Aeon» fest.
  • Passend zum Thema unserer aktuellen Ausgabe gibt es ausnahmsweise einen vierten Link: Der koreanische Elektronikriese Samsung hat zu seiner Halbleiterfabrik in Pyeongtaek ein Lego-Modell im Verhältnis 520:1 erstellt. Allein um den Reinraum nachzubilden, brauchte es 15'000 Bausteine. Hier ein kurzes Video dazu.

Feel the Burn

Normalerweise würden diese Woche Zehntausende aus der Kunst- und Partyszene in die Wüste von Nevada pilgern. In der Black Rock Desert, rund acht Autostunden nordöstlich von San Francisco, findet jedes Jahr in der letzten Sommerwoche vor dem Labor Day das Burning Man Festival statt.

Das psychedelische Grossereignis, das jeweils mit dem Verbrennen einer riesigen Statue aus Holz kulminiert, gilt als der «Grand Daddy» aller Outdoor Events, Raves und alternativen Kulturanlässe. Letztes Jahr hat es rund 80’000 Leute aus der ganzen Welt angezogen.

Bei einem solchen Spektakel darf Prominenz aus dem Silicon Valley natürlich nicht fehlen. So waren ausser diversen Hollywood-Stars in den letzten Jahren etwa Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der vormalige Google-CEO Eric Schmidt, die Winklevoss-Zwillinge und – natürlich – Elon Musk vor Ort präsent.

Entstanden ist der Anlass 1986 am Baker Beach in San Francisco, als gerade einmal 35 Personen dem rituellen Abfackeln des Burning Man beiwohnten. Wegen zunehmender «Interaktionen» mit den Ordnungshütern wurde er dann ab 1990 in eine Salztonebene unweit des Interstate Highway 80 verlegt.

Diese Wochen werden allerdings weder stinkreiche Tech-Milliardäre noch ekstatische Hippies in die temporäre Wüstenstadt «Black Rock City» fahren. Wegen der Pandemie haben die Organisatoren das Festival schon Anfang April abgesagt.

Dafür findet der Burning Man virtuell statt. Unter dem Motto «Multiverse» können Fans bis am kommenden Montag bequem und sicher von zu Hause aus acht Computerwelten besuchen. Für einige davon sind spezielle Virtual-Reality-Brillen nötig, für andere reicht ein gewöhnliches Smartphone.

In Anbetracht der Umstände wird auch der feurige Schlussakt individuell zelebriert. Wer will, kann dazu eine Bastelanleitung auf der Website der Veranstalter herunterladen und im Garten eine etwa 60 Zentimeter grosse Mini-Version des Burning Man anzünden.

Wem das wirklich Spass macht, wird wohl kaum nüchtern sein.

Die nächste Ausgabe von «The Pulse» erscheint am 23. September. Es würde mich freuen, wenn Sie auch dann wieder dabei sind.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und einstweilen eine gute Zeit,

Christoph Gisiger