The Pulse

Die Streaming-Kriege beginnen

Mit Netflix publiziert heute Mittwoch nach Börsenschluss in New York der erste grosse Tech-Konzern seine Quartalszahlen. Der Online-Videodienst muss sich gegen neue Konkurrenz behaupten. Plus: Der Handelsdisput ist am grössten Güterhafen Amerikas angekommen.

Christoph Gisiger

Die Saison der Unternehmensabschlüsse ist lanciert. Erste Meldungen aus dem amerikanischen Tech-Sektor stimmen vorsichtig: Arrow Electronics, ein bedeutender Distributor von Elektronik- und Halbleiterkomponenten, hat zu Wochenbeginn vor einem geringeren Quartalsgewinn gewarnt.

Den Dämpfer begründet Arrow-CEO Michael Long mit einer «Verschlechterung der Nachfragebedingungen im globalen Komponentengeschäft». Besonders bemerkenswert: Es ist die erste Gewinnwarnung des Unternehmens seit zehn Jahren.

Mit dem Ergebnis von Netflix steht heute Mittwoch nach Börsenschluss der erste grosse Tech-Abschluss an. Die Papiere des Online-Videodienstes reagieren in der Regel mit heftigen Schwankungen auf die Publikation der Resultate.

«The Pulse» geht heute deshalb den wichtigsten Trends im Streaming-Markt nach.

Aktien hinken hinterher

Inzwischen ist ein Jahr vergangen, seit Netflix die Investoren mit einem enttäuschenden Abschluss schockte. Die Titel sackten damals in wenigen Wochen 25% ab. Das kurz zuvor markierte Rekordhoch von knapp 419 $ haben sie seither nicht mehr erreicht. Entsprechend hinken sie dem Gesamtmarkt hinterher:

Für das zweite Quartal hat Netflix in Aussicht gestellt, die Zahl der Abonnenten um 5 Mio. auf fast 154 Mio. zu steigern. Nach einer leichten Wachstumsdelle in den ersten drei Monaten soll sich der Umsatz gut 26% auf 4,9 Mrd. $ verbessern.

Interessieren wird dieses Mal jedoch vor allem, was Konzernchef und Gründer Reed Hastings zum Ausblick und zur zunehmenden Konkurrenz im Kernmarkt Amerika sagt.

Streaming ist im Trend

Ein Blick auf die Rahmenbedingungen zeigt, dass Amerikaner im Schnitt gut fünf Stunden pro Tag fernsehen. Immer häufiger werden dafür Streaming-Plattformen genutzt. Ihr Anteil am täglichen TV-Konsum wird gemäss dem Researchhaus eMarketer bis 2021 auf rund 35% zunehmen:

Als Pionier hat Netflix wesentlich zu diesem Trend beigetragen. In den letzten Jahren hat der Konzern ausserdem die Expansion im internationalen Geschäft vorangetrieben, wo er 2018 erstmals mehr Einnahmen als in den USA erwirtschaftet hat:

Das rasante Wachstum im Ausland ist beeindruckend. Für das operative Ergebnis hingegen spielt der US-Heimmarkt nach wie vor die Hauptrolle:

Umso wichtiger ist für Investoren die Frage, ob sich Netflix als Branchenleader behaupten kann. Mit annähernd 200 Mio. Nutzern ist die Google-Tochter Youtube die grösste Streaming-Plattform in den USA. Im Vergleich zu anderen Bezahldiensten wie Hulu, HBO oder Amazon Video liegt Netflix jedoch vorn:

Erste Scharmützel

Bedrohungen durch neue Konkurrenten hat Konzernchef Hastings bislang heruntergespielt: «Neue Wettbewerber werden unser Wachstum nicht materiell beeinflussen, weil die Marktverschiebung zu On-Demand-Diensten ein massiver Trend ist und sich unser Angebot abhebt», meinte er im letzten Aktionärsbrief.

Ob das wirklich stimmt, wird sich bald zeigen. Im November lanciert Disney einen eigenen Streaming-Service, der zum Preis von 6.99 $ pro Monat wesentlich günstiger ist als das Standard-Abonnement von Netflix (12.99 $).

Hinzu kommt, dass Disney+ eine beneidenswerte Bibliothek an Inhalten offerieren wird. Dem Konzern gehören ausserdem die Plattformen ESPN+ sowie Hulu, wobei Letztere im ersten Quartal doppelt so schnell gewachsen ist wie Netflix.

Warner Media, die neue Unterhaltungssparte des Telecomriesen AT&T, hat ihre Streaming-Offensive vergangene Woche präsentiert. Der «HBO Max» genannte Dienst, der auf dem Fundament des populären Bezahlsenders HBO aufbaut, wird im nächsten Frühjahr starten. Gemäss Medienberichten soll er 16 bis 17 $ monatlich kosten.

Für sich genommen ist er somit teurer als Netflix. Es würde jedoch nicht überraschen, wenn AT&T-Kunden Hits wie «Game of Thrones» oder «True Detective» sowie Warner-Kinofilme wie «Wonder Woman» oder «Harry Potter» im Bündel mit einem Mobilfunkabonnement günstiger erhalten.

Bereits Ende März hat der Kabelbetreiber Comcast eine neue Plattform unter dem Namen «Flex» zum monatlichen Preis von 5 $ gestartet. Erste Pläne für ein Streaming-Angebot hat unlängst auch Apple präsentiert, und Amazon bietet Prime-Kunden Fernsehen übers Internet zusammen mit Warenlieferungen beim Online-Shopping für 119 $ pro Jahr an.

Der Schlüssel zum Erfolg

In Amerika bahnen sich damit erbitterte Streaming-Kriege an. Um die Marktführerschaft zu verteidigen, braucht Netflix vor allem eines: attraktive Inhalte. Doch genau das könnte sich als grösster Schwachpunkt erweisen.

Aktuellstes Beispiel sind die Emmy-Nominierungen vom Dienstag: Mit 117 Ernennungen belegt das Unternehmen zwar knapp hinter HBO (137) den zweiten Platz. Im Angebot von Netflix befinden sich allerdings zehnmal so viele Titel, die für einen Preis bei der bedeutendsten US-Fernsehauszeichnung infrage kommen könnten.

«Das Verhältnis von Emmy-Preisen zur Zahl der Inhalte lässt darauf schliessen, dass die Sendungen von HBO eine viel höhere Qualität aufweisen», sagt dazu Michael Pachter. Der Branchenkenner in Diensten des Brokers Wedbush Securities ist einer von lediglich zwei Analysten, die bei den Netflix-Aktien zum Verkauf raten. Insgesamt decken vierzig Analysten das Unternehmen ab.

«Zu Bedenken gilt es ausserdem, dass viele Sendungen, mit denen Netflix in der Vergangenheit einen Emmy gewonnen hat, anderen Produktionsstudios gehören. Der Wettbewerb um neue Inhalte dieser Studios wird sich damit in den kommenden Jahren verschärfen», ist Pachter überzeugt.

Das gleiche Problem stellt sich mit bestehenden TV-Formaten. Die Erfolgsserien «Friends» und «The Office» beispielsweise führen gemäss einer Auswertung des Newsdienstes «Recode» die Liste der beliebtesten Sendungen auf Netflix an:

Quelle: Recode

Quelle: Recode

Künftig werden «Friends» und «The Office» aber nur noch auf den Plattformen ihrer Besitzer AT&T und Comcast zu sehen sein. Auch die Disney-Gruppe zieht ihre Inhalte von Netflix ab.

Unter den zwanzig grössten Netflix-Hits befanden sich Ende 2018 lediglich sieben Sendungen, die zum exklusiven Angebot des Streaming-Dienstes gehören.

Eigene Shows wie «Orange is the New Black», «House of Cards» oder «Narcos» werden zwar als «Netflix Originals» bezeichnet. Trotzdem sind die Lizenzrechte meist nicht im Besitz des Unternehmens.

Geldvernichtungsmaschine

Mit den etablierten Kolossen der Medienbranche mitzuhalten, wird für Netflix damit alles andere als einfach - und wegen der dünnen Bibliothek an qualitativ hochstehenden Inhalten enorm kostspielig.

Als «Wachstumsstory» geniesst der Konzern an den Finanzmärkten bislang viel Kredit. Dies, obschon sein Mittelverschleiss in den letzten Jahren drastisch zugenommen hat:

Ab nächstem Jahr will Netflix kontinuierlich weniger Mittel verbrennen. Ob das überhaupt möglich ist, ohne dass dem Unternehmen bedeutende Marktanteile verloren gehen, erscheint allerdings fraglich. Allein für 2019 rechnet es mit einem negativen freien Cashflow von 3,5 Mrd. $.

Natürlich ist denkbar, dass Konzernchef Reed Hastings heute Abend mit den Zahlen zur vergangenen Berichtsperiode positiv überrascht.

Auch dürften die Titel finanziell labiler Gesellschaften wie Netflix besonders von neuen Lockerungsmassnahmen der Zentralbanken profitieren. The Market hat sie deshalb in ein Portfolio mit Blasenkandiaten aufgenommen.

An den grundlegenden Herausforderungen ändert das jedoch wenig. Zudem kann es auch anders kommen. Wie abrupt ein Unternehmen wie Netflix mit Nettoschulden von fast 8 Mrd. $ das Vertrauen der Investoren verlieren kann, hat die Marktpanik im vierten Quartal 2018 gezeigt, als die Titel 40% eingebrochen sind.

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle finden Sie hier drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Die Venture-Capital-Szene im Silicon Valley erlebt eine beispiellose Hausse. Zu den einflussreichsten Wagniskapitalfirmen gehört Andreessen Horowitz, die mitunter zu den frühen Investoren von Lyft, Slack und Pinterest zählt. Mitbegründer Scott Kupor schildert in der Podcast-Serie Masters in Business von Barry Ritholtz, was sich derzeit in der Branche abspielt.
  • Am Sonntag jährt sich die Mondlandung zum 50. Mal. Das Weltereignis wird als Meilenstein zur Eroberung des Weltalls gefeiert. Tatsächlich hat seit den frühen Siebzigerjahren jedoch kein Mensch mehr die erdnahe Umlaufbahn verlassen. Das Magazin «Texas Monthly» fragt deshalb provokativ, ob die legendäre Apollo-11-Mission nicht eher den Anfang vom Ende der Weltraumexploration darstellt.
  • Künstliche Intelligenz dringt immer tiefer in unseren Alltag vor. Inzwischen schlagen uns die Roboter auch am Spieltisch. Wie die Technologie-Publikation «The Verge» berichtet, zockt ein von Facebook und der Carnegie Mellon University entwickeltes Computerprogramm selbst die weltbesten Pokerspieler ab.

California Cargo

Die Vereinigten Staaten und China haben die Gespräche im Handelsdisput wieder aufgenommen. Ein Deal – wenn überhaupt – scheint aber nach wie vor in Ferne.

US-Präsident Trump hat am Dienstag gesagt, dass bis zu einer Übereinkunft «noch ein langer Weg» bevorstehe. Zudem hat er seine Drohung bekräftigt, noch mehr Importe aus China mit Zöllen zu bestrafen.

China hat das Verhandlungsteam derweil überraschend mit einem neuen Mitglied ergänzt: Handelsminister Zhong Shan, der als Hardliner gilt.

Für die ohnehin lädierte Weltwirtschaft wird der Konflikt zu einer immer grösseren Belastung. Erste Warnsignale leuchten nun auch im Frachthafen von San Pedro auf, wo rund 40% der Container-Einfuhren in die USA abgewickelt werden.

Der riesige Logistik-Komplex, der sich an der Meeresbucht der Städte Los Angeles und Long Beach erstreckt, hat im Juni volumenmässig rund 5% weniger Güter importiert als im Vorjahresmonat. Bereits im Mai waren die Einfuhren rückläufig.

In der Sommerzeit ist gewöhnlich Hochsaison in der San Pedro Bay, zumal die Waren für die Festtagsverkäufe im Spätherbst und Winter eintreffen. Wichtigster Handelspartner ist China, der für rund die Hälfte aller Einfuhren aufkommt.

«2018 haben viele Einzelhändler ihre Fracht im Voraus bestellt, um den Strafzöllen zuvorzukommen», meint Mario Cordero, Direktor des Hafenbereichs Long Beach. Nun seien alle Güter da und die Lagerhäuser gefüllt.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters meldet, hat vor allem der chinesische Frachtkonzern Cosco Shipping sein Einfuhrvolumen reduziert. Nach dem kräftigen Importboom der letzten Jahre ist der Handelskrieg jetzt im grössten Güterhafen Amerikas angekommen.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger, Redaktor