Im Fokus

Tech-Aktien auf dem Prüfstand

Mit Netflix und IBM warten am Mittwoch die ersten Konzerne aus dem amerikanischen IT-Sektor mit den Quartalszahlen auf. Das sind die wichtigsten Punkte zur anlaufenden Berichtssaison. 

Christoph Gisiger

In den USA ist die Berichtssaison lanciert. Im Tech-Sektor warten am Mittwoch nach Börsenschluss mit Netflix und IBM die ersten grossen Konzerne mit den Zahlen zum dritten Quartal auf.

Die Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf Netflix. Der Online-Videoservice präsentiert zum letzten Mal einen Geschäftsbericht, bevor die Streaming-Kriege gegen Disney, Comcast, Apple und andere etablierte Branchenriesen beginnen.

Netflix-Chef Reed Hastings stellt für die abgelaufene Berichtsperiode einen Zuwachs der weltweiten Abonnenten um 7 Mio. in Aussicht. Das Augenmerk liegt auf der Entwicklung in den USA, wo im letzten Quartal überraschend 126 000 Kunden abgewandert sind.

Michael Pachter, Analyst beim Broker Wedbush Securities und einer der raren Netflix-Bären, würde es nicht erstaunen, wenn das Unternehmen nach dem Patzer vor drei Monaten dieses Mal positiv überrascht. Der Grund: Im dritten Quartal sind neue Folgen von populären Serien wie «Stranger Things», «Orange is the New Black» und «Queer Eye» auf der Streaming-Plattform erschienen.

Pachter denkt jedoch, dass es für Netflix jetzt zusehends schwieriger wird, an attraktive Inhalte heranzukommen. Mit dem Start des neuen Streaming-Diensts Disney+ am 12. November werde Netflix zum Beispiel bald 25% seiner insgesamt verfügbaren Sendestunden verlieren, rechnet der Branchenspezialist mit langjähriger Erfahrung vor.

Umso mehr Geld muss Netflix künftig ins Wachstum investieren: «Steigende Ausgaben für Sendeinhalte werden dazu führen, dass der Konzern noch für viele Jahre substanziell Cash verbrennen wird», denkt Pachter. «Das, obschon Netflix die Preise in den letzten fünf Jahren bereits viermal erhöht hat», schreibt er in einer Vorschau auf den Abschluss.

Netflix dürfte allein in diesem Jahr mehr als 3 Mrd. $ verbrennen. 2020 wird sich der negative freie Cashflow in ähnlicher Grössenordnung bewegen. Wie lange die Investoren dieses Spiel mitmachen, ist schwierig zu sagen. Die Begeisterung hat aber bereits spürbar nachgelassen. Seit der Bestmarke vom Sommer 2018 haben die Aktien von Netflix über 30% verloren:

Netflix: Freier Cashflow

in Mio. $

Richtig los geht die Berichtssaison dann kommende Woche, wenn Tech-Kolosse wie Microsoft, Amazon und Intel das Ergebnis vorlegen. «The Pulse» konzentriert sich in der heutigen Ausgabe deshalb auf die wichtigsten Themen zu den bevorstehenden Abschlüssen.

Unfreundliches Umfeld

In Aktien aus dem Tech-Sektor steckt nach wie vor viel Optimismus. So verspürt der Nasdaq 100 seit einigen Tagen erneut Auftrieb und flirtet mit der Bestmarke vom 26. Juli.

Seit Anfang Jahr ist das Branchenbarometer 24% avanciert und schlägt damit den breiten Gesamtmarkt gemessen am S&P 500 klar:

Nasdaq 100

Nasdaq 100
S&P 500 (angeglichen)

Weit weniger rosig sieht das fundamentale Bild aus. Die Rahmenbedingungen für Corporate America haben sich im dritten Quartal abermals verschlechtert. Das gilt speziell für den Tech-Sektor, wo eine Rekordzahl von Unternehmen den Ausblick im Vorfeld der Berichtssaison gemäss dem Datendienst FactSet gedämpft hat.

Drei zentrale Trends machen der Branche zu schaffen:

  • Die Konjunktur in den USA ist zwar noch einigermassen stabil. Die Weltwirtschaft schwächt sich aber zusehends ab. Amerikanische Tech-Unternehmen spüren das besonders empfindlich, weil sie einen überdurchschnittlich hohen Anteil ausserhalb des Heimmarkts erwirtschaften.
  • Ähnliches gilt damit für Wechselkurseffekte. Handelsgewichtet hat sich der Dollar im dritten Quartal knapp 4% verteuert. Das schmälert Einnahmen und Margen von IT-Konzernen. Ein Indiz dafür sind die Vorabschlüsse: Für Unternehmen aus dem S&P 500, die ihre Zahlen bereits präsentiert haben, ist der feste Greenback der am häufigsten genannte Negativfaktor.
  • Technologie ist zudem ein Kernthema im Handelskonflikt. Boykotte gegen chinesische Grosskonzerne wie Huawei und Handelsbarrieren belasten dabei das operative Geschäft amerikanischer IT-Unternehmen, unterbrechen Zulieferketten und verunsichern Kunden bei Investitionsentscheiden.

Gewinnrezession verschärft sich

Entsprechend geraten die Gewinne mehr und mehr unter Druck: Gemäss dem Researchaus Refinitiv schätzen Analysten, dass die Ergebnisse im Tech-Sektor für das dritte Quartal gegenüber der Vorjahresperiode nahezu 8% gesunken sind. Anfang Jahr hatten sie noch mit leichtem Gewinnwachstum gerechnet:

Analystenschätzungen für den IT-Sektor

Ergebnisveränderung, in % zum Vorjahreszeitraum
1. Januar
1. April
1. Juli
1. Oktober
aktuell

Da die Börse in der Regel sechs bis neun Monate vorausschaut, ist der Ergebnisrückgang für diese Berichtssaison bereits weitgehend abgehakt. Wie fast immer dürften zudem die meisten Konzerne die wenig anspruchsvollen Vorgaben übertreffen.

Entscheidend ist deshalb, was sie zum Ausblick sagen. Denn wie bei den meisten Unternehmen im S&P 500 schwächen sich die Gewinnprognosen im IT-Sektor auch für die kommenden Monate stetig ab.

Das Risiko weiterer Revisionen bleibt damit beträchtlich, glaubt Michael Wilson, Aktienstratege in Diensten von Morgan Stanley: «Wir befinden uns mitten in einer Gewinnrezession. Die Resultate zum dritten Quartal werden daran wenig ändern», schreibt er in einem aktuellen Researchbericht

«Die Schätzungen für das vierte Quartal und das Gesamtjahr 2020 sind aus unserer Sicht noch immer zu hoch. Nun müssen die Unternehmen die Folgen der globalen Konjunkturabkühlung aber vermehrt in ihre Prognosen einkalkulieren», hält Wilson fest.

Chips auf Rekordhoch

Aufschluss darüber werden die Ergebnisse aus der Chip-Industrie geben. Sie gilt als guter Vorlaufindikator zur generellen Konjunkturentwicklung und erlebt derzeit den grössten Auftragseinbruch seit der Finanzkrise von 2008/09.

Wie der Branchenverband SIA Ende September gemeldet hat, sind die globalen Halbleiterverkäufe im August gegenüber dem Vorjahresmonat abermals um fast 16% gefallen. Im Vergleich zu den vorangegangenen Monaten hat sich der Rückgang zwar nicht weiter akzentuiert. Das Umsatzvolumen verharrt aber auf tiefem Stand:

Quelle: SIA

Quelle: SIA

Dass sich die Lage inzwischen nennenswert aufgehellt hat, erscheint wenig plausibel. Die IT-Spezialisten von IHS Markit etwa haben ihre Prognose für 2019 vor wenigen Tagen erneut nach unten revidiert. Für das dritte Quartal rechnen sie damit, dass sich die weltweiten Einnahmen der Chip-Industrie um 17% verringert haben.

Die miserablen Daten werden an der Börse bislang weitgehend ignoriert. Gemessen am Stand von Ende 2018 bewegt sich der Halbleiterindex PHLX Semiconductor über 40% im Plus und ist am Dienstag sogar auf ein neues Allzeithoch geklettert - kaum ein anderes Segment schneidet besser ab:

PHLX Semiconductor Index

PHLX Semiconductor Index
Nasaq 100 (angeglichen)
S&P 500 (angeglichen)

Hoffen auf 5G

Die Kursavancen basieren auf der Erwartung, dass sich der Geschäftsgang der Branche bald erholt. Nach den enttäuschenden Zahlen der letzten Monate hat sich die Hoffnung auf einen kräftigen «Rebound» nun vom zweiten Halbjahr 2019 auf das erste Semester 2020 verlagert.

IHS Markit zum Beispiel erwartet, dass der globale Chip-Markt im nächsten Jahr um 6% wächst. Die Prognose stützt sich dabei primär auf den neuen Mobilfunkstandard 5G ab, dessen Etablierung nicht nur dem Tech-Sektor sondern auch andere Bereichen der Wirtschaft einen Schub geben soll.

Wie realistisch diese Annahme ist, bleibt abzuwarten. Der erfahrene High-Tech-Stratege Fred Hickey zweifelt jedoch daran, dass 5G zum erhofften «Game Changer» wird.

«Der Hype um den neuen Mobilfunkstandard ist übertrieben. Qualcomm, einer der wichtigsten 5G-Zulieferer, hat den Effekt auf den Geschäftsgang kürzlich bei der Ergebnispräsentation auffällig heruntergespielt», sagte er ausgewiesene Branchenkenner unlängst im Interview mit The Market.

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die enttäuschenden Nachrichten von Micron Technology. Hatte der Spezialist für Speicher-Chips zu Ende des zweiten Quartals Zuversicht für eine baldige Erholung entfacht, sorgte sein letzter Geschäftsausblick von Ende September für Ernüchterung.

Umso wichtiger wird, was Branchenriesen wie Intel, Texas Instruments, Nvidia und Applied Materials in den nächsten Tagen zur Auftragslage sagen. Speziell bei der Ergebnispräsentation von Texas Instruments lohnt es sich, gut hinzuhören, zumal sich das Management jeweils verhältnismässig unverblümt zu den Perspektiven des Sektors äussert.

Wichtige Abschlüsse:

* Texas Instruments: Dienstag, 22. Oktober (nachbörslich)
* Intel: Donnerstag, 24. Oktober (nachbörslich)
* Applied Materials: Donnerstag, 14. November (nachbörslich)
* Nvidia: Donnerstag, 14. November (nachbörslich)

Schwergewichte unter Erwartungsdruck

Das Highlight der Berichtssaison sind wie immer die Abschlüsse der «Big Five»: Apple, Amazon, Facebook, Google und Microsoft kommen zusammen auf einen Börsenwert von gut 4,4 Bio. $, was rund 18% der Kapitalisierung des S&P 500 entspricht.

Wie die Resultate dieser fünf Superschwergewichte ausfallen, wird den gesamten US-Aktienmarkt beeinflussen.

Eine Schlüsselrolle könnte Apple spielen. Der Konzern hat vor wenigen Wochen die neuste iPhone-Generation lanciert. Jetzt wollen Investoren wissen, wie es um den Ausblick für das Weihnachtsquartal steht, das für Apple mit Abstand am wichtigsten ist.

An Wallstreet ist die Erwartungshaltung hoch. Die Aktien von Apple tendieren seit Mitte Jahr steil aufwärts und haben am letzten Freitag auf einem neuen Rekordhoch geschlossen. Seit Anfang Jahr resultiert damit ein Kursplus von 50%:

Apple

Apple
Nasdaq 100 (angeglichen)

Wie «The Pulse» in der letzten Ausgabe berichtete, geht es auch für Amazon um viel. Nach dem enttäuschenden Abschluss zum zweiten Quartal hat der Online-Gigant viel Goodwill an der Börse verloren. Unter den «Big Five» schneidet er im Jahresvergleich denn auch am schwächsten ab:

Kursperformance der «Big Five»

Letzte zwölf Monate, in %

Ausschlaggebend für die weitere Performance der Amazon-Titel sind zwei Fragen: Hat der Internethändler die Kosten beim Ausbau des Vertriebsnetzes in den USA im Griff? Und: Wie geht es mit der Cloud-Sparte AWS weiter, deren Wachstum sich zuletzt etwas verlangsamt hat?

Im Fall von Google und Facebook wird sich der Fokus primär auf das regulatorische Umfeld richten. Beide Konzerne haben in den vergangenen Quartalen bereits Milliarden zur Beilegung von Rechtsstreitigkeiten mit Aufsichtsbehörden in den USA und Europa bezahlt.

Interessant wird deshalb bei ihren Abschlüssen, ob es allenfalls ein Update zu den laufenden Untersuchungen der US-Wettbewerbshüter gibt.

Microsoft wiederum ist operativ am besten unterwegs. Für Begeisterung an Wallstreet sorgt in erster Linie das rasante Wachstum im Geschäft mit Cloud-Diensten wie Azure, das zu einer neuen Einstufung der Aktien geführt hat.

Die Titel haben am Dienstag die Bestmarke vom 26. Juli egalisiert. Wenige Tage vor diesem Datum hatte der Konzern das Resultat zum Quartal per Ende Juni publiziert. Seither hat Konzernchef Satya Nadella ein massives Rückkaufprogramm von 40 Mrd. $ lanciert.

Im Fall einer enttäuschenden Ergebnispublikation dürfte das die Aktien von Microsoft zwar stützen. Zum Kurs-Gewinn-Verhältnis von 27 sind die Valoren von «Mr. Softy» historisch allerdings bereits enorm stolz bewertet:

Microsoft: stolze Bewertung

Kurs-Gewinn-Verhältnis
Microsoft
Apple

Abschlusstermine:

* Microsoft: Mittwoch, 23. Oktober (nachbörslich)
* Amazon: Donnerstag, 24. Oktober (nachbörslich)
* Google: Montag, 28. Oktober (nachbörslich)
* Apple und Facebook: Mittwoch, 30. Oktober (nachbörslich)

Wachstumsfantasie löst sich auf

Neue Impulse für die Grundstimmung im Tech-Sektor könnten ebenfalls die Resultate grosser Börsenzugänge wie Uber, Lyft oder Slack geben.

Investoren aus der Wagniskapitalbranche haben Startup-Unternehmen in den vergangenen Jahren grosszügig Geld zugesprochen, solange diese starkes Wachstum ausweisen konnten. Selbst wenn sich kein klarer Weg zur Profitabilität abzeichnete, spielte das lange nur eine untergeordnete Rolle.

An der Börse hat sich diese Mentalität jedoch nicht durchgesetzt. Selbst vormalige Überflieger unter den diesjährigen Börsendebütanten wie Beyond Meat, CrowdStrike oder Zoom Video stehen mittlerweile schwer unter Druck:

IPO-Jahrgang 2019

Börsenwert Umsatz-Multiple Short Interest Kursverlust seit Höchst
Uber 54,4 4,5 4,6
–32
Zoom Video 19,5 41,9 27,3
–33,8
Pinterest 13,9 15 11,5
–30,6
Slack 13,5 26,5 12,1
–41,1
CrowdStrike 12,5 35,5 32,2
–45,8
Lyft 12 4,2 10,2
–53,6
Chewy 10,7 2,5 23
–35,2
Beyond Meat 7,4 44,6 19,9
–49,1
Peloton 6,6 7,2 10
–16,2
Luckin Coffee 4,7 15,4 40,8
–27,7
The RealReal 1,8 7,1 54,6
–29,8
SmileDirectClub 1,1 1,9 13,4
–51,1

Die fulminant geplatzte Publikumsöffnung von WeWork dürfte die negative Einstellung gegenüber unprofitablen «Wachstumsunternehmen» zusätzlich verschärft haben.

Wie es heisst, soll der ums Überleben kämpfende Bürovermieter gegenwärtig eine weitere Emission von Ramschanleihen planen. Gemäss «Bloomberg News» will er unter Federführung von JPMorgan mitunter eine Tranche im Umfang von 2 Mrd. $ mit 15% Coupon begeben.

Speziell bei der Ergebnispräsentation von Uber und Lyft dürfte die Toleranz in Sachen Verluste daher gering sein. Im Fall von Uber erwarten Analysten für das dritte Quartal einen Fehlbetrag von rund 940 Mio. $. Bei Lyft sollen es knapp 500 Mio. $ sein.

Auch andere hochgradig unprofitable «Wachstumsgeschichten» wie Tesla stossen zusehends auf Skepsis: Die Titel haben seit Anfang 2019 mehr als 20% eingebüsst. Wer vor fünf Jahren in den Elektroautehersteller investiert hat, verbucht einen Kursgewinn von lediglich rund 10%.

Zum Vergleich: Der S&P 500 ist in dieser Zeit mehr als 50% vorgeprescht, wozu eine Dividendenrendite von jährlich rund 2% hinzukommt.

Bedeutende Abschlüsse:

* Tesla: Mittwoch, 23. Oktober (nachbörslich)
* Beyond Meat: Montag, 28. Oktober (nachbörslich)
* Lyft: Mittwoch, 30. Oktober (nachbörslich)
* Pinterest: Donnerstag, 31. Oktober (nachbörslich)
* Uber: Montag, 4. November (nachbörslich)

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle gibt es hier drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Die Cloud-Sparte AWS hat sich zum grössten und profitabelsten Wachstumstreiber von Amazon entwickelt. Könnte Jeff Bezos den Bereich nun zu einem separaten Unternehmen abspalten, um regulatorischen Eingriffen zuvorzukommen? Über diesen «Masterplan» des Amazon-Gründers spekuliert das Magazin «The Atlantic» in einem Portrait.
  • Apple hat das geschafft, was Google und Facebook vergeblich versucht haben: Die kommerzielle Erschliessung des Milliardenreichs China. Doch jetzt wird der Erfolg zunehmend zum Problem für den iPhone-Hersteller, wie das Branchenmagazin «recode» in einer Analyse berichtet.
  • Nächste Woche beginnt im Bundesstaat Ohio der Hauptprozess gegen die US-Pharmaindustrie zur Opioid-Krise. Insgesamt drohen der Branche Rechtskosten, die sogar den 250 Mrd. $ teuren Rekordvergleich übersteigen könnten, zu dem die Tabakbranche Ende der Neunzigerjahre gezwungen wurde. Der öffentlich-rechtliche Nachrichtendienst «NPR» beantwortet die wichtigsten Fragen zum Prozess in einer detaillierten Übersicht.

A Beautiful Thing

Die Hoffnung auf ein minimales Handelsabkommen zwischen den USA und China hat die Börsen revitalisiert. Die negativen Konsequenzen, die der Konflikt in den internationalen Güterströmen verursacht, werden jedoch immer verheerender.

Kaum an einem anderen Ort sind die Folgen des Handelskriegs so gut ersichtlich wie im Frachthafen von San Pedro: Der riesige Logistik-Komplex, der sich an der Meeresbucht der Städte Los Angeles und Long Beach erstreckt, wickelt rund 40% der Container-Einfuhren in die USA ab. Wichtigster Handelspartner war bislang China.

Haben sich die Hafenbehörden zunächst diplomatisch mit Kritik an der US-Regierung zurückgehalten, ist die Geduld jetzt am Ende:

«Der unbedachte Handelskrieg richtet unter amerikanischen Exporteuren weiterhin Chaos und Verwüstung an», warnt der Port of Los Angeles. «Unsere Ausfuhren gehen seit elf Monaten zurück, während der Export leerer Container zurück nach Asien unser grösstes Wachstumssegment ist», heisst es in einer Medienmitteilung.

Die Angst vor Handelsbarrieren löste im grössten Frachthafen der westlichen Hemisphäre zunächst einen Importboom aus. Seit US-Präsident Trump mit seinen Strafzöllen jedoch wirklich ernst gemacht hat, geht das Handelsvolumen in der San Pedro Bay empfindlich zurück.

Gemäss aktuellen Zahlen sind die Importe im Port of Los Angeles im September im Vergleich zum Vorjahresmonat um fast 3% zurückgegangen. Die Ausfuhren sind um 11% eingebrochen. Das, nachdem in den letzten Jahren Monat für Monat neue Rekordvolumen verzeichnet worden waren.

«Wir brauchen ein Abkommen zur Beilegung des Konflikts, denn er beginnt sich auf die mehr als 3 Mio. Arbeitsplätze auszuwirken, die in den USA [direkt oder indirekt] mit dem Hafenkomplex zusammenhängen», lautet deshalb die unmissverständliche Aufforderung an Washington.

Wer hat also nochmals gesagt, dass Strafzölle eine «wunderschöne Sache» sind?

Bild: Port of Los Angeles

Bild: Port of Los Angeles

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger