The Pulse

Technologie-Konzerne fahren Aktienrückkäufe zurück

Der US-Börse fehlt es an Schwung. Mit ein Grund dafür ist die jüngst schwache Performance der ehemaligen Zugpferde aus der IT-Branche und die rückläufigen Buybacks.  

Christoph Gisiger

Die amerikanischen Aktienmärkte kommen nicht vom Fleck. Der S&P 500 hat sich Ende Juli zwar kurz auf Rekordniveau bewegt. Gemessen am Stand vor einem Jahr notiert er heute jedoch leicht im Minus. Das Gleiche gilt für den Nasdaq Composite.

Dass es an Auftrieb fehlt, hat vor allem mit den grossen Tech-Werten zu tun. Die FAANG-Aktien Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google (Alphabet) haben sich in dieser Hausse als Zugpferde erwiesen. Seit gut einem Jahr hat ihre Triebkraft aber merklich nachgelassen.

Ein kurzer Blick aufs Kurstableau zeigt: Unter den grössten IT-Titeln haben 2019 bisher nur Microsoft und Google ein Allzeithoch markiert. Ausser Facebook und Microsoft notieren die meisten der einstigen Börsenlieblinge über die letzten zwölf Monate zudem im Minus:

Für den fehlenden Schwung an den US-Börsen ist noch eine andere Komponente mitverantwortlich: Nach dem Rekordjahr 2018 nehmen Aktienrückkäufe ab, was ebenfalls eng mit dem Tech-Sektor zusammenhängt.

In der heutigen Ausgabe geht «The Pulse» diesem rückläufigen Trend deshalb genauer nach.

Enttäuschende Berichtssaison

Buyback-Programme sind in den vergangenen Jahren eine wichtige Stütze für amerikanische Aktien gewesen. In der Berichtssaison zum zweiten Quartal sind Ankündigungen neuer Rückkäufe jedoch auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren gefallen.

Wie aus Daten des Reserachdiensts TrimTabs hervorgeht, haben US-Konzerne bei der Präsentation der Geschäftszahlen pro Tag im Durchschnitt Rückkäufe im Umfang von 2 Mrd. $ angekündigt.

Das sind 33% weniger als während der Abschlüsse zum zweiten Quartal 2018. Seit Anfang 2019 beläuft sich der Tagesschnitt auf 3,6 Mrd. $, wogegen es im vergangenen Jahr zu diesem Zeitpunkt 4,3 Mrd. $ waren:

Hinzu kommt, dass sich die Aktivität auf wenige Unternehmen konzentriert. Mit Google (25 Mrd. $), Corning (5 Mrd. $), Archer Daniels Midland (3,7 Mrd. $), MetLife (2 Mrd. $) und Humana (2 Mrd. $) kommen nur fünf Konzerne für über 60% des Rückkaufvolumens auf, das während der abgelaufenen Berichtssaison angekündigt worden ist.

«Buyback King» Apple

Wie eine Auswertung mit Hilfe des Datenservice S&P Capital IQ ergibt, haben Konzerne aus dem S&P 500 in den letzten zwölf Monaten Aktien im Wert von knapp 810 Mrd. $ zurückgekauft.

Mit mehr als 270 Mrd. $ entfällt der weitaus grösste Anteil davon auf die Tech-Branche, gefolgt von den Sektoren Finanzen und Gesundheit:

Wenig überraschend rangieren IT-Konzerne wie Apple, Oracle, Cisco Systems und Qualcomm denn auch an der Spitze, wenn es um die Unternehmen mit den grössten Programmen geht:

Wie sich Buyback-Programme auf die Entwicklung an der Börse auswirken, lässt sich am Beispiel von Apple eindrücklich illustrieren.

Apples Einnahmen aus dem iPhone-Verkauf gehen zwar immer mehr zurück. So bewegt sich das Konzernergebnis für das letzte Quartal mit rund 10 Mrd. $ praktisch auf dem gleichen Niveau wie im Vergleichszeitraum 2015.

Aktienrückkäufe haben den Gewinn pro Aktie jedoch so stark verdichtet, dass das Ergebnis je Titel seither um nahezu 20% auf 2.18 $ gestiegen ist.

Als Illustration dazu eine Grafik, die den Effekt der Rückkäufe auf Gewinn und Gewinn pro Aktie über die letzten fünf Jahre je Quartal zeigt:

Ausschüttungen werden «en vogue»

Rückkäufe waren in der Tech-Branche nicht immer so populär.

Speziell nach dem Platzen der Dotcom-Blase hatte die Bilanzqualität Vorrang. Wegen der abrupten Pleite unzähliger Internetfirmen mussten IT-Konzerne ihren Kunden damals mit soliden Kapitalreserven Gewissheit geben, dass sie als Geschäftspartner nicht so schnell von der Bildfläche verschwinden werden.

Im Tech-Sektor steht zudem oft Wachstum im Fokus, weshalb Investitionen gegenüber Dividendenzahlungen und Rückkäufen vor allem für jüngere Unternehmen Priorität haben.

Entsprechend rigide haben sich viele IT-Konzerne lange in Sachen Ausschüttungspolitik verhalten. Cisco zum Beispiel zahlt erst seit 2011 eine Dividende aus.

Apple folgte ein Jahr später, nachdem Konzerngründer Steve Jobs verstorben war. Ab 2013 kamen beim iPhone-Hersteller ausserdem Aktienrückkäufe in grossem Stil hinzu.

Amazon ist inzwischen 25 Jahre alt. Bis heute zahlt der Konzern von Jeff Bezos aber weder eine Dividende aus noch kauft er Aktien zurück.

Auf Direktausschüttungen müssen Investoren ebenso im Fall von Google und Facebook verzichten. Dafür unterhalten beide Konzerne seit 2015 bzw. 2017 nennenswerte Buyback-Programme.

Steuerreform zündete den Boom

Was Aktienrückkäufe an den US-Börsen betrifft, hat die Bedeutung des Sektors in den letzten Jahren damit immer mehr zugenommen.

Per Ende des zweiten Quartals 2019 waren IT-Konzerne für fast 34% des Rückkauf-Volumens der letzten zwölf Monate verantwortlich. Zum Stand per Ende Juni 2012 belief sich der Vergleichswert auf gut 20%.

Berücksichtigt man ebenso den Sektor Kommunikationsdienste, zu dem Google und Facebook zählen, hat der Anteil von 28 auf 38% zugenommen:

Eine Schlüsselrolle hat zuletzt der Ende 2017 in Kraft gesetzte Tax Cuts and Jobs Act gespielt.

Die von US-Präsident Trump erlassene Steuerreform erleichtert die Rückführung ausserhalb der USA erwirtschafteter Gewinne. Das hat Amerikanische Tech-Konzerne dazu ermuntert, einen Teil ihrer massiven Mittel aus dem Ausland zu repatriieren und sie in wesentlichem Umfang für Buyback-Programme einzusetzen.

Der Trend dreht

Der Effekt der Steuerreform scheint nun jedoch mehr und mehr zu verpuffen. Hinzu kommen die Abkühlung der Weltwirtschaft und Spannungen in den internationalen Handelsbeziehungen. Beide Faktoren machen dem Tech-Sektor mehr als anderen Branchen zu schaffen.

Nachdem Rückkäufe von IT-Konzernen im dritten Quartal 2018 mit 82 Mrd. $ einen Rekord erreichten, haben sie seither stetig abgenommen und sind im zweiten Quartal 2019 auf rund 54 Mrd. $ geschrumpft.

Das sind gut 20% weniger als in den ersten drei Monaten des Jahres und 16% weniger als im Vorjahreszeitraum:

Wer hauptsächlich für den Rückgang verantwortlich ist, zeigt sich bei der Betrachtung der einzelnen Unternehmen. Im Fall von Apple haben die Rückkäufe vom ersten zum zweiten Quartal 2019 um 24% auf gut 18 Mrd. $ abgenommen.

Deutlich gesunken sind sie ebenso bei Cisco, Oracle, Broadcom, Texas Instruments und PayPal:

Es würde nicht überraschen, wenn der rückläufige Trend im zweiten Semester anhält. Der IT-Sektor steckt schon seit Anfang Jahr in einer Gewinnrezession, die sich zusehends verschärft.

Das dürfte Tech-Konzerne vermehrt dazu veranlassen, ihre Ausschüttungspolitik zu überdenken.

Dieses Risiko besteht vor allem bei Apple, Oracle, Cisco, Qualcomm, Intel und Broadcom, wo die Ausschüttungen den freien Cashflow deutlich übersteigen:

Erste Adjustierungen werden bereits vorgenommen, wie sich am Beispiel von Cisco herausstellt. Der Netzwerkausrüster hat Investoren vor zwei Wochen bei der Ergebnispräsentation gewarnt, dass er bei Rückkäufen künftig wieder eine «normale Strategie» verfolgen werde.

Nicht alle grossen IT-Konzerne dürften sich jedoch gezwungen sehen, ihre Buyback-Programme zu drosseln. Microsoft etwa erwirtschaftet einen höheren freien Cashflow, als der Konzern an seine Aktionäre ausschüttet.

Noch grösser ist der Spielraum für Facebook und Google. Beide Konzerne verfügen über reichlich Flexibilität, um die Rückkäufe bei Bedarf zu erhöhen – auch deshalb, weil sich ihnen wegen des wachsenden politischen Drucks ohnehin keine Aussichten auf grössere Akquisitionen ergeben.

Ein deutliches Zeichen in diese Richtung hat Google Ende Juli mit dem neuen Programm im Umfang von 25 Mrd. $ gesetzt. Die Zustimmung von Investoren drückte sich am nächsten Handelstag in einer Kursavance von fast 10% aus.

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle gibt es hier einige Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Tesla droht weiteres Ungemach : 2016 hat der Elektroautohersteller die praktisch bankrotte Photovoltaik-Firma SolarCity für 2,6 Mrd. $ in Aktien übernommen. Nun klagen Walmart, Amazon und andere Kunden gegen die Tesla-Tochter, weil sie Solar-Panels mangelhaft auf ihren Dächern installiert habe und diese sich entzünden. Linette Lopez bei Business Insider» und Bethany McLean bei «Vanity Fair» beleuchten das Debakel in zwei spannenden Reportagen.
  • Das amerikanische Verteidigungsdepartement ist für die IT-Industrie einer der wichtigsten Grosskunden. Das zeigt das 10 Mrd. $ umfassende Jedi-Cloud-Projekt, um das Amazon und Microsoft gegenwärtig buhlen. Die investigative Online-Publikation «ProPublica» geht wenig transparenten Geschäftsbeziehungen zwischen Big Tech und dem US-Militär aus der Perspektive eines Whistleblowers nach.
  • Der Boykott der US-Regierung gegen den Telecom-Koloss Huawei legt Chinas Abhängigkeit von ausländischen IT-Konzernen offen. Mit dem Programm «Made in China 2025» zielt Peking deshalb unter anderem darauf ab, eine heimische Chipindustrie aufzubauen. Eine Studie des amerikanischen Wirtschaftsdepartments zeigt auf, welche ökonomischen Folgen das für die Halbleiterbranche in den USA, Europa und Japan haben könnte.

Street Fights

In Grossstädten rund um die Welt machen Elektro-Scooter das Trottoir unsicher. Das gilt besonders in den Metropolen Los Angeles und San Francisco, wo die Strassen chronisch mit Autos verstopft sind und elektrische Trottinetts angeblich zur Lösung des Verkehrsproblems beitragen und gleichzeitig den CO2-Ausstoss reduzieren sollen.

In Los Angeles sind inzwischen 36’000 Elektro-Flitzer beim städtischen Verkehrsamt registriert. Acht Unternehmen haben eine Lizenz zum Betrieb von Scooter-Flotten erhalten; darunter die Taxidienste Uber und Lyft. Auch Ford kämpft mit dem für 100 Mio. $ übernommenen Startup Spin um die Präsenz auf den Strassen von L.A.

Zu den weltgrössten Scooter-Firmen gehört Bird aus Santa Monica. Unter Federführung der Venture-Capital-Firma Sequoia Capital soll das 2017 gegründete Unicorn gegenwärtig an einer weiteren Finanzierungsrunde arbeiten, die eine Unternehmensbewertung von 2,5 Mrd. $ impliziert.

Gross im Geschäft ist ebenfalls der Rivale Lime aus San Francisco. Er ist etwa ähnlich stolz bewertet und soll – wie könnte es anders sein – nun auch das Interesse des japanischen Tech-Konglomerats Softbank auf sich ziehen.

Beide Unternehmen gehen mit der gleichen Strategie vor: In der Venture-Szene «Blitzscaling» genannt, verbrennen sie Geld im Eiltempo um möglichst rasch zu expandieren und sich eine dominante Marktstellung zu sichern.

Wie bei den meisten Unicorns ist fragwürdig, ob sich ihre milliardenschweren Investitionen jemals auszahlen: Viele Scooter sind bereits nach wenigen Monaten kaputt, werden gestohlen oder fallen dem Vandalismus zum Opfer.

Mit «Bird Graveyard» gibt es einen Instagram-Account, der sich ausschliesslisch der Dokumentation zerstörter Scooter widmet. Im Stadtbezirk Long Beach wurde unlängst sogar eine 63-jährige Seniorin mit einem E-Trottinett totgeschlagen.

Die Scooter-Firmen hoffen, dass ihnen robustere Modelle nun helfen werden, weniger Geld zu verschleissen und einen Weg zur Profitabilität zu finden. Sowohl im Fall von Bird wie auch Lime bleibt die Skepsis jedoch gross.

Hinzu kommt, dass sich Unfälle und Verkehrsdelikte häufen. Eine Anfang 2019 veröffentlichte Studie zu zwei Spitälern in Los Angeles zeigt, dass innerhalb eines Jahres 250 Patienten wegen Scooter-Unfällen notfallmässig eingeliefert werden mussten.

Gemäss einer Recherche der «Los Angeles Times» hat das Polizeidepartement der Stadt derweil allein im Juli fast 250 Bussen an Scooter-Fahrer verteilt – über 1800% mehr als im Vorjahresmonat.

Unsere nächste Ausgabe erscheint am 18. September. Um Ihnen das Warten bis dahin zu verkürzen, publiziert The Market kommende Woche ein exklusives Interview mit dem amerikanischen IT-Strategen Fred Hickey, der die Branche seit vierzig Jahren eng verfolgt.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und einstweilen eine gute Zeit,

Christoph Gisiger