The Pulse

Was Investoren im Technologiesektor im zweiten Halbjahr erwartet

«Big Tech» leidet unter eingetrübten Gewinnaussichten und neuen politischen Risiken. Im Halbleitersektor sieht Micron Technology frühe Anzeichen einer Belebung der Nachfrage. Plus: Das «China Syndrom» belastet Hollywood.

Christoph Gisiger

Die Aussicht auf eine baldige Zinssenkung der US-Notenbank hat die «Animal Spirits» geweckt. Besonders profitiert haben davon Tech-Aktien. Wie sensibel sie auf die Geldpolitik reagieren, zeigt sich auch diese Woche – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.

Nachdem Fed-Chef Jerome Powell am Dienstag in einem Referat etwas weniger milde Töne angeschlagen hatte als erhofft, hat der IT-Sektor erhebliche Einbussen erlitten. Microsoft zum Beispiel haben bis Handelsschluss über 3% verloren. Auch andere Schwergewichte wie Google, Facebook und Amazon sind unter Druck geraten.

Wie geht es jetzt weiter? Wie steht es um die fundamentale Verfassung des Sektors? Und was erwartet Investoren in Tech-Aktien mit Blick auf das ökonomische und politische Umfeld?

Diese Fragen greift «The Pulse» heute mit einem Ausblick zum zweiten Halbjahr auf.

Offensichtlich ist, dass sich etwas verändert. Tech-Aktien haben die Börsenhausse lange angeführt, doch zuletzt hat die Dynamik nachgelassen. Anders als der S&P 500 hat der Nasdaq Composite vergangene Woche keinen neuen Rekord markiert.

Das Allzeithoch des Tech-Barometers datiert weiterhin auf Anfang Mai, bevor US-Präsident Trump den Handelskonflikt eskalierte. Auch im Jahresvergleich fällt der Nasdaq ab. Unter hohen Schwankungen hat er in den letzten zwölf Monaten weniger als 5% gewonnen. Zum Vergleich: Der S&P 500 ist knapp 7,5% vorgerückt.

Selbst bei den Topstars fällt die Bilanz durchwachsen aus. Am besten entwickeln sich die Valoren von Microsoft, die zu Wochenbeginn eine neue Bestmarke erreichten. Relativ wacker schlugen sich bis Ende April auch Google (Alphabet), worauf jedoch ein Rückschlag folgte.

Amazon und Apple hingegen haben seit letztem Herbst kein Allzeithoch erreicht. Bei Facebook und Netflix liegt der letzte Kursrekord schon bald ein Jahr zurück.

Wachstum schwächt sich ab

Dass der Sektor an Zugkraft verliert, hat verschiedene Gründe. Ein wichtiger ist die operative Leistung der Unternehmen. Bereits seit einiger Zeit lässt sich beobachten, dass sich das Wachstum von Branchenleadern wie Amazon, Google und Apple abschwächt.

Die Resultate zum zweiten Quartal werden in den kommenden Wochen offenlegen, ob sich dieser Grundtrend fortgesetzt hat. Einen ersten Anhaltspunkt gibt der Abschluss von Netflix am 17. Juli.

Für den gesamten IT-Sektor erwarten Analysten im zweiten Quartal einen Gewinnrückgang von über 8% im Vergleich zur Vorjahresperiode. An der Börse ist das bereits abgehakt. Viel wichtiger ist, wie die Unternehmen den Geschäftsverlauf in den kommenden Monaten beurteilen.

Für etwas Aufatmen hat in dieser Hinsicht am Dienstag Micron Technology gesorgt. Der Spezialist für Speicherchips sieht «frühe Anzeichen einer Verbesserung der Nachfrage». Auffällig ist jedoch, dass der Lagerbestand abermals beträchtlich gestiegen ist.

Zudem hatte sich Micron-Konzernchef Sanjay Mehrotra schon bei der Resultatepublikation im Dezember und März bemüht, Optimismus zu verbreiten. Genützt hat es wenig. Selbst wenn man die positive Kursreaktion auf das aktuelle Ergebnis berücksichtigt, notieren die Papiere rund 40% niedriger als vor einem Jahr:

Gewinnschätzungen sinken

Bezeichnend ist, dass der Tech-Sektor auch bei den Schätzungen zum zweiten Semester im Vergleich zu den meisten Branchen am hinteren Ende rangiert. Zudem revidieren Analysten ihre Prognosen immer mehr nach unten.

Anfang April rechneten sie gemäss dem Datendienst Refinitiv noch mit einem Ergebnisrückgang von 3,5% für das dritte Quartal. Aktuell gehen sie von einem Minus von mehr als 6% aus:

Ähnlich sieht das Bild für das vierte Quartal aus. In den letzten drei Monaten ist die erwartete Gewinnsteigerung im Technologiesektor von gut 6 auf 4% geschmolzen. Anfang Jahr waren es noch 11,5% gewesen:

Dass sich die Gewinnaussichten eintrüben, hat vor allem mit zwei Ursachen zu tun: Die Abkühlung der Weltwirtschaft sowie der Handelsdisput zwischen den USA und China, wobei die Faktoren miteinander verbunden sind.

Amerikanische Tech-Konzerne erwirtschaften im Schnitt rund 60% ihres Umsatzes ausserhalb des Heimmarktes. Eine Verlangsamung des globalen Wachstums macht ihnen daher schwerer zu schaffen als Unternehmen aus anderen Branchen.

Auch ist die Tech-Industrie zwischen die Fronten des Handelskriegs geraten. Das gilt speziell für Halbleiterhersteller, die vom Boykott gegen den chinesischen Telecomkonzern Huawei am schwersten betroffen sind.

Politisches Risiko

Hinzu kommt Unsicherheit im politischen Bereich. Am Mittwoch und Donnerstag halten die Demokraten die ersten Debatten zu den Präsidentschaftswahlen ab. Wetten, dass Big Tech dabei einiges zu reden geben wird?

Wie brisant das Thema in Washington ist, lässt sich mitunter an der Kontroverse um die neue Kryptowährung Libra von Facebook ableiten. Weniger als eine Woche nachdem der Konzern erste Details dazu veröffentlicht hat, lanciert der Kongress bereits erste Untersuchungen.

Für einen Schock hat die Nachricht gesorgt, dass die Wettbewerbshüter Facebook, Amazon, Google und Apple genauer unter die Lupe nehmen wollen. Am Beispiel Microsoft hat sich vor zwanzig Jahren jedoch gezeigt, dass Verfahren gegen grosse IT-Konzerne eine langwierige und komplizierte Angelegenheit sind.

«Wir denken, dass es sich hier mehr um Lärm als um die Gefahr grösserer Strukturveränderungen in der Wertschöpfungskette der Tech-Industrie handelt», denkt Michael Pachter, Analyst beim Broker Wedbush Securities.

«Im schlimmsten Fall werden sich die betroffenen Konzerne dazu gezwungen sehen, ihr Geschäftsmodell leicht anzupassen und Bussen zu zahlen. Eine Aufspaltung ist dagegen unwahrscheinlich», meint der ausgewiesene Branchenspezialist.

Riskante Strategie

Insgesamt sollten sich Investoren damit auf weitere Turbulenzen im Tech-Sektor gefasst machen. Es ist durchaus denkbar, dass die lockere Geldpolitik auch dieses Mal für Euphorie an den Börsen sorgen wird. Entsprechend dürften Tech-Titel davon überdurchschnittlich profitieren.

Sich lediglich auf die Zentralbanken zu verlassen, ist jedoch eine riskante Strategie. Das lehrt die Erfahrung aus der letzten Krise: Die Aktien von Google, Amazon, Apple und Microsoft schlugen sich damals zunächst zwar wacker. Als im Herbst 2008 jedoch Panik ausbrach, stürzten auch sie 40 bis 60% ab.

Am anfälligsten dürften sich bei einer Korrektur all die «heissen» Börsenzugänge aus dem Silicon Valley erweisen. Nach dem Boom im ersten Halbjahr befinden sich mit WeWork, Airbnb und Peleton weitere prominente IPO-Kandidaten in der Pipeline.

Wie die meisten Börsenneulinge aus dem Tech-Sektor arbeiten auch sie nicht profitabel. Bislang hat das Wallstreet nicht gestört. Im Gegenteil, wie die phänomenalen Avancen von Beyond Meat illustrieren:

Seit der Fleischersatz-Hersteller Anfang Mai an die Börse gekommen ist, haben seine Titel an manchen Tagen Gewinne von 12% bis 39,3% verzeichnet. Hinzu kommt die Avance von über 160% am ersten Handelstag. Im Verlauf einer einzigen Sitzung sind sie aber auch schon bis zu 25% abgestürzt.

Eddy Elfenbein, Portfolio Manager und Verfasser des populären Blogs Crossing Wall Street, beschreibt dieses skurrile Treiben um Beyond Meat am treffendsten: «Mit Investieren hat das nichts zu tun. Das ist ein reines Vabanquespiel.»

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle finden Sie hier drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben.

  • Die Gentechnologie macht rasante Fortschritte. Das gilt nicht nur bei der Behandlung von Krankheiten. Ähnlich wie in der Filmreihe «Jurassic Park» könnten bald auch ausgestorbene Tierarten zu neuem Leben erweckt werden. Die Online-Publikation «Cnet» zeigt den Stand der Forschung auf und stellt die Grundsatzfrage, ob solche Experimente überhaupt wünschenswert sind.
  • Am 21. Juli sind es exakt fünfzig Jahre her, seit Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betreten hat. Inzwischen sind rund 570 Menschen im Weltraum gewesen. Zur Feier der legendären Apollo-11-Mission hat die «Washington Post» fünfzig Astronauten zur ihrer extraterrestrischen Erfahrung interviewt.
  • In keinem anderen Land gibt es mehr Massaker mit Schusswaffen als in den USA. Dennoch wird kaum etwas unternommen. Hauptgrund ist der enorme Einfluss der NRA – auch über soziale Medien. Plattformen wie Facebook und Twitter verbieten zwar direkte Werbung für Waffen. Das Online-Magazin «Vox» berichtet jedoch, wie die mächtige Lobby-Organisation attraktive Influencerinnen anheuert, die mit Waffen lasziv auf Instagram posieren. Achtung: Die Bilder sind zum Teil verstörend.

China Syndrome

Die Welt blickt mit Spannung nach Osaka, wo sich US-Präsident Trump und Chinas Staatschef Xi am Samstag treffen sollen. Wie es im Handelskonflikt zwischen den beiden Wirtschaftsmächten weitergeht, ist für eine Branche besonders relevant, von der diesbezüglich jedoch kaum die Rede ist: Hollywood.

Für Studios wie Universal, Sony, Warner Bros. oder Walt Disney hat China in den vergangenen Jahren wesentlich an Bedeutung gewonnen. Der grösste Markt ist für sie zwar nach wie vor Nordamerika. Seit 2013 ist China aber vor Japan zur zweitwichtigsten Region für die Filmindustrie avanciert: Gemäss dem Branchenverband MPAA belief sich der Umsatz 2018 auf rund 9 Mrd. $, was 12% Wachstum entspricht.

Umso härter könnte eine weitere Eskalation Hollywood treffen. Peking kontrolliert streng, was für Filme in der Volksrepublik gezeigt werden. Letztes Jahr haben die Zensurbehörden gut 40 Produktionen aus dem Ausland zugelassen. Anklang findet dieses Jahr auch beim chinesischen Publikum der Action-Streifen «Endgame» aus der Superhelden-Saga Avengers.

Offiziell hat Peking bislang keinen Boykott gegen amerikanische Filme verhängt. «Unsere Kunden und Kontakte in der Branche berichten aber, dass es de facto einen Bann gegen US-Medieninhalte im Bereich Kino und Streaming gibt», sagt ein Anwalt aus Beijing dem Magazin «Variety».

Das ist nicht das einzige Problem für Hollywood. Die staatlich kontrollierten Kinobetreiber Chinas geben den amerikanischen Studios in der Regel nur einen Anteil von 25% an den Ticket-Einnahmen weiter. Heimische Produktionen wie «Operation Red Sea» oder «Detective Chinatown 2» werden ausserdem immer populärer.

Die US-Filmindustrie könnte in China damit vergeblich auf ein «Happy End» hoffen.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger, Redaktor