The Pulse

WeWork wird zum Belastungstest für den IPO-Boom

Das Börsendebut des Vermieters von Büroräumen könnte zu einem Schlüsselereignis werden, was den Hunger von Investoren nach IT-Wachstumsunternehmen betrifft.

Christoph Gisiger

Die Lage an den Finanzmärkten ist labil. Das zeigt sich diese Woche einmal mehr.

Aktien aus dem Tech-Sektor sind am Dienstag nach anfänglichen Verlusten kräftig avanciert. Das, nachdem die US-Regierung im Handelskonflikt mit China – erneut – eine überraschende Kehrtwende vollzogen hat.

Demnach sollen die neuen Strafzölle auf chinesische Importe teilweise bis Ende Jahr verzögert und auf manche Produkte gar nicht erst erhoben werden. In die letzte Kategorie fallen mitunter Mobiltelefone, Laptop-Computer und Videospiel-Konsolen.

Besonders empfindlich auf Nachrichten zum Handelskonflikt reagieren Titel aus dem Chip-Segment. Das Gleiche gilt für Apple: Die Valoren des iPhone-Herstellers haben in sechs der letzten zehn Handelstage seit Ende Juli mehr als 2% geschwankt.

Gleich an zwei Sitzungen kam es sogar zu Kursbewegungen von über 4% – und das bei einem globalen Branchenkoloss mit einer Kapitalisierung von rund 950 Mrd. $:

Was in den nächsten Wochen an den Märkten passiert, wird auch die Aussichten für weitere Börsengänge im zweiten Halbjahr massgeblich beeinflussen.

Mit WeWork steht einer der umstrittensten IPO-Kandidaten bereits in den Startlöchern. Er könnte in den nächsten Tagen seine Unterlagen zur Publikumsöffnung präsentieren.

«The Pulse» wirft heute deshalb einen Blick auf die neusten Trends im amerikanischen IPO-Markt.

Wachstum um jeden Preis

Das Börsendebut von WeWork könnte zu einem Schlüsselereignis werden, was den Hunger von Investoren nach Unternehmen mit raschem Wachstum betrifft.

Der Vermieter von Büroräumen ist gemäss der letzten Finanzierungsrunde zu rund 48 Mrd. $ bewertet und damit eines der grössten Unicorns auf dem Planeten.

2010 von Adam Neumann gegründet, betreibt der Konzern mit Sitz im New Yorker Trendviertel Chelsea ein simples Geschäftsmodell: Er mietet langfristig grosse Büroflächen, unterteilt diese dann in kleinere Einheiten und vermietet sie weiter. Die Benutzer der Räumlichkeiten müssen sich dabei meist nur für einen relativ kurzen Zeitraum verpflichten.

Zu den grössten Aktionären gehört wie bei Uber, Slack, DoorDash und anderen grossen Start-up-Unternehmen der Vision Fund von SoftBank.

Das Tech-Konglomerat aus Japan hat gemäss Medienberichten inzwischen mehr als 10 Mrd. $ in WeWork investiert und spornt das Unternehmen zu aggressivem Wachstum an.

In der Venture-Szene «Blitzscaling» genannt, lässt sich die typische Expansionsstrategie für Beteiligungen des Vision Funds etwa folgendermassen beschreiben: Ein Jungunternehmen wird mit Geld überschüttet und so schnell wie möglich zu einem dominanten Marktakteur aufgepumpt; ohne Rücksicht auf Verluste.

Tiefrote Zahlen

Entsprechend ambivalent fällt das Resultat aus: WeWork ist weltweit inzwischen in mehr als hundert Grossstädten präsent und beschäftigt über 5000 Mitarbeitende. Im New Yorker Stadtbezirk Manhattan ist die Firma heute der grösste Mieter von Immobilien und in der Innenstadt von London die Nummer zwei nach der britischen Regierung.

In starker Diskrepanz dazu steht der operative Leistungsausweis. Der Umsatz hat sich gemäss dem Newsdienst «Axios» letztes Jahr auf 1,8 Mrd. $ verdoppelt, woraus 1,9 Mrd. $ Verlust resultierten.

Selbst in der Welt der Unicorns, wo kaum ein Unternehmen profitabel arbeitet, ist ein solches Missverhältnis rekordverdächtig.

Hinzu kommt, dass Konzernchef Neumann mit esoterischen Kennzahlen hantiert. Für die operative Performance verweist er vorzugsweise auf den «Community-Adjusted Ebitda», der alle möglichen Kosten ausklammert, um immerhin etwas Rentabilität vorzuspiegeln.

Für Aufsehen sorgt zudem, dass der 40-Jährige mit einer Vorliebe für Surfen und Tequila bereits vor der Publikumsöffnung Kasse macht. Wie es heisst, soll sich Neumann einen Betrag von 700 Mio. $ gesichert haben, indem er Aktien verkauft und einen Teil seiner Unternehmensbeteiligung belehnt hat.

Verschiedene US-Medien berichten, dass WeWork noch diese Woche die IPO-Pläne bekannt machen will.

Erste Unterlagen dazu hat das Unternehmen Ende April bei der US-Börsenaufsicht SEC vertraulich eingereicht. Im Juli kamen Gerüchte auf, dass es den Prozess beschleunigen wolle und auf ein Debüt im September abziele.

«Ein Grund dafür, die Publikumsöffnung auf September anzusetzen, sind Sorgen der Geschäftsleitung von WeWork, dass die US-Börsen sich nahe dem Rekordhoch bewegen und diese guten Zeiten nicht für immer anhalten könnten», meldete das «Wall Street Journal» damals.

Umso interessanter wird, wie Investoren reagieren, wenn das Unternehmen bald erstmals offizielle Zahlen zum Geschäftsgang offenlegt.

Unicorn-Herde wächst munter

Im Silicon Valley wird die Entwicklung um WeWork aufmerksam verfolgt. Offenbar plagen viele Geldgeber aus der Venture-Capital-Szene ähnliche Befürchtungen wie Neumann und seine Geschäftspartner.

Das lässt sich daraus schliessen, dass sie Börsengänge vermehrt forcieren und sich dadurch ein Fenster zum Ausstieg öffnen: «Die grösste Story im zweiten Quartal war der Exit-Markt», hält dazu der Researchdienst PitchBook fest.

Wie PitchBook in einem Zwischenbericht vorrechnet, haben 34 mit Wagniskapital finanzierte Unternehmen Investoren in den vergangenen Monaten den Ausstieg über einen Börsengang ermöglicht. Das Transaktionsvolumen hat sich insgesamt auf annähernd 140 Mrd. $ belaufen, was eine neue Bestmarke ist.

Derweil wächst die Unicorn-Population in den USA munter weiter. Die Zahl an Startup-Firmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar hat sich laut einer Zusammenstellung von PWC und CB Insights per Ende Juni auf annähernd 170 erhöht.

Die Gesamtbewertung der Herde ist nach dem IPO von grösseren Exemplaren wie Uber, Lyft und Slack geringfügig auf rund 550 Mrd. $ gesunken:

Zu den Kandidaten für eine baldige Publikumsöffnung gehören unter anderem der Wohnungsvermittler Airbnb, die Handelsplattform Robinhood, der Lieferdienst Postmates sowie Peloton, ein Anbieter von Hometrainer-Velos und dazugehörigen Online-Kursen:

IPO-Kandidaten

Branche Bewertung in Mrd. $ Aufgenommene Mittel in Mrd. $ Gründungsjahr Investoren
WeWork Immobilien 48,7
8,8 2010 Softbank, Benchmark Capital, JPMorgan
Airbnb Ferienwohnungen 31
3,4 2007 Sequoia Capital, General Atlantic, Andreessen Horowitz
Robinhood Trading-App 7,6
0,9 2012 DST Global, Index Ventures, New Enterprise Associates
Peloton Hometrainer 4
1 2012 True Ventures, Kleiner Perkins, Comcast
Postmates Mahlzeiten-Lieferungen 1,8
0,7 2011 Tiger Global Management, SoftTech VC, Founders Fund

Uber fährt Rekordverlust ein

Während Insider am IPO-Boom gut verdienen, fällt die bisherige Bilanz des Jahrgangs 2019 für Publikumsaktionäre durchwachsen aus. Mit Uber enttäuscht ausgerechnet der grösste Börsengang seit Alibaba (2014) bitter.

Die Aktien des Taxidiensts haben seit der Publikumsöffnung gerade einmal zwei Handelstage über dem Emissionspreis von 45 $ notiert. Am Dienstag sind sie in einem freundlichen Gesamtmarkt auf ein neues Allzeittief von 36.45 $ gefallen.

Angesichts der operativen Entwicklung überrascht der Kurseinbruch wenig. Der Konzern musste letzte Woche bekannt geben, dass er im zweiten Quartal einen Verlust von über 5 Mrd. $ erlitten hat.

Uber-CEO Dara Khosrowshahi macht dafür vor allem einmalige Kosten zur aktienbasierten Entlöhnung von Mitarbeitenden verantwortlich. Doch auch unter Ausklammerung dieses Effekts resultiert ein Fehlbetrag von 1,3 Mrd. $.

Für Irritation an der Börse sorgt zudem, dass sich das Wachstum von Uber auf 14% abgeflacht hat. Zum Vergleich: Gestandene Kolosse wie Amazon, Google und Facebook sind im zweiten Quartal rund 20 bis 30% expandiert.

Wenig überzeugend fällt ebenso der Abschluss von Lyft aus.

Der kleinere Rivale hat bei der Präsentation der Quartalszahlen zwar versichert, dass der Wettbewerb etwas nachlasse und er deshalb für das Gesamtjahr mit weniger Verlust als geplant rechne. Zudem ist der Umsatz von rund 500 auf 870 Mio. $ gewachsen.

Trotzdem müssen sich Aktionäre noch lange gedulden, bis Lyft in die schwarzen Zahlen fährt: Gemäss dem Datendienst S&P Global rechnen Analysten nicht vor 2025 mit einem profitablen Geschäftsgang.

Zum Kurs von 58.08 $ handeln die Titel von Lyft ebenfalls weit unter dem Emissionspreis (72 $). Einen schalen Nachgeschmack hinterlässt ausserdem, dass die Haltefrist für Stammaktionäre überraschend verkürzt wird.

Die sogenannte Lockup-Phase, in der Insider ihre Aktien nicht veräussern dürfen, beläuft sich normalerweise auf 180 Tage nach dem IPO. Im Fall von Lyft wird das Stichdatum von Ende September nun aber auf den 19. August vorverlegt.

Heisshunger auf Beyond Meat

Besser entwickeln sich andere Debütanten wie Chewy, Zoom Video, CrowdStrike, Slack und Pinterest.

Dass der Appetit auf Börsenneulinge grundsätzlich gross ist, zeigt die Performance des IPO ETF, der vom Broker Renaissance Capital bewirtschaftet wird.

Trotz des Rückschlags der vergangenen Tage notiert das Anlagevehikel seit Anfang Jahr 34% im Plus. Es schlägt damit den S&P 500 wie auch den Nasdaq Composite klar:

Als grösster Überflieger behauptet sich weiterhin Beyond Meat. Die Titel des Fleischersatz-Herstellers sind seit dem IPO rund 570% vorgeprescht. Entsprechend astronomisch hoch ist die Bewertung.

Aktuell handeln die Valoren zum 60-fachen des Umsatzes. Sogar noch exzessiver sind Zoom und CrowdStrike bewertet, was böse Erinnerungen an die Übertreibungen der Internetblase weckt:

Wallstreet erwartet, dass Beyond Meat frühestens ab nächstem Jahr einen Profit erarbeiten wird. Bemerkenswert ist daher, dass die Titel selbst an schlechten Börsentagen oft mit Kursgewinnen abschneiden.

Das dürfte die Unternehmensleitung um Gründer Ethan Brown dazu ermutigt haben, in einer Zweitemission nun weitere 3,8 Mio. Titel zum Preis von je 160 $ zu begeben.

Wie gesund der IPO-Markt tatsächlich ist, wird sich spätestens ab Herbst zeigen, wenn auch bei Beyond Meat und anderen gefragten Börsenzugängen die Haltefristen der Stammaktionäre ablaufen.

In dieser Hinsicht dürfte es sich lohnen, folgende Termine im Auge zu behalten:

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle gibt es hier einige Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • «The Pulse» hat in der letzten Ausgabe von den ermutigenden Trends im Biotech-Sektor berichtet. Eine prominente Rolle spielte Branchenleader Amgen. Die Aktien sind seither über 12% avanciert. Der Grund: Amgen hat im Patentstreit mit der Novartis-Tochter Sandoz um das Blockbuster-Medikament Enbrel einen wichtigen Sieg vor Gericht errungen. Der Newsdienst «BioSpace» analysiert die Tragweite des Urteils.
  • Netflix hat das TV-Geschäft neu erfunden. Enttäuschende Abonnentenzahlen, überbordende Kosten und die Konkurrenz von Wettbewerbern wie Disney oder Comcast setzen den Streaming-Dienst aber zusehends unter Druck. Das Fachblatt «The Hollywood Reporter» warnt deshalb, dass der Branchen-Pionier nun selber von den traditionellen Unterhaltungskonzernen in die Mangel genommen wird, deren Markt er aufgemischt hat.
  • Erneuerbare Energien wie Sonne und Wind produzieren immer mehr Strom. Die grundlegende Herausforderung bleibt jedoch, dass sich die Elektrizität von Windmühlen und Solaranlagen nur begrenzt speichern lässt. Die «Los Angeles Times» zeigt in einer Reportage auf, warum die Zukunft einer nachhaltigen Energieversorgung tief in den alten Salzkavernen des Bundesstaats Utah liegen könnte.

Reagan’s Nightmare

Republikaner haben in Kalifornien einen schweren Stand. Letztmals hat der Golden State im November 1988 für einen Präsidentschaftskandidaten der Grand Old Party gestimmt, als George Bush Senior für die Nachfolge von Ronald Reagan antrat.

Heute ist der Bundesstaat fest in der Hand der Demokraten. Hillary Clinton holte 2016 fast doppelt so viele Stimmen wie Donald Trump. Bei den Zwischenwahlen von 2018 erlitten die Republikaner eine weitere Schlappe. Aktuell stellen sie in Kalifornien die wenigsten Sitze für das US-Repräsentantenhaus seit 1946.

Die Implosion der Partei von Abraham Lincoln erfasst jetzt selbst Orange County. Der Küstenstreifen mit mehr als 3 Mio. Einwohnern zählt zu den wohlhabendsten Gegenden Kaliforniens und ist seit Ewigkeiten eine konservative Bastion der Republikaner gewesen.

Der Bezirk, der sich im Südosten von Los Angeles entlang des Pazifiks nach San Diego erstreckt, war denn auch die Heimat von Richard Nixon. Ebenso diente er Ronald Reagan als Ausgangsbasis für seine politische Karriere.

Der vormalige Hollywood-Schauspieler hielt 1965 seinen ersten politischen Spendenanlass in Anaheim ab. Orange County sei der Ort, an dem «gute Republikaner ihren Lebensabend verbringen», schwärmte er später.

Auch damit ist es vorbei: Gemäss der jüngsten Statistik des Orange County Registrar of Voters zählt der Bezirk seit wenigen Tagen zum ersten Mal in Jahrzehnten mehr Demokraten als Republikaner. Deutlich angestiegen ist mit fast 30% zudem der Anteil unentschlossener Wähler.

Der politische Umbruch hat vor allem mit Donald Trump zu tun. Auch in Orange County stösst der polarisierende US-Präsident wegen Themen wie Migration und Umwelt zusehends auf Ablehnung. Seit seiner Steuerreform müssen viele Hausbesitzer in Kalifornien ausserdem mehr Abgaben an den Staat leisten.

Mit wachsenden Ressentiments in Orange County sieht sich selbst Ronald Reagan konfrontiert. Ein Beispiel dafür ist die Dauerkontroverse um eine Statue des 2004 verstorbenen Staatschefs in Newport Beach, wo Finanzriesen wie Pimco und Pacific Life ihren Sitz haben.

Die lebensgrosse Skulptur fiel kurz nach der Fertigstellung Vandalen zum Opfer und musste aufgrund von Protesten schon mehrmals disloziert werden. Aktuell befindet sie sich abgelegen im Civic Center Park unweit einer Installation mit kreisförmig angeordneten Hasen aus Zement.

Wie lange Reagan noch dort stehen wird, ist ungewiss. Gegenwärtig sind erneut Bestrebungen im Gang, ihn umzuplatzieren. Wohl besser, dass «The Gipper» den Fall der einstigen republikanischen Hochburg nicht mehr selber erleben muss.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger